Toll, wenn der Validator keinen einzigen Fehler anzeigt. Dabei muss eine Webseite gar nicht unbedingt validieren. Der Validator liefert lediglich ein Indiz für eine sauber angelegte Webseite. Trotzdem kann eine Seite mit zwanzig Fehlern besser codiert sein als eine Seite, die keinen einzigen Fehler liefert. Es kommt darauf an, die Ergebnisse des Tools richtig zu lesen.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass einige Leute Qualität im Sinne von Webstandards an den Fehlermeldungen eines Validators messen. Der Validator hilft einem kein Stück weiter, wenn man sich nicht die Mühe macht, nachzusehen, welche Elemente die Fehler verursachen.
In Weblogs, die sich mit Webstandards beschäftigen, gibt es regelmäßig fragende, zweifelnde oder auch hämische Kommentare der Art: »Aber diese und jene Seite validiert nicht!« Das muss sie auch nicht. Zumindest nicht in jedem Fall.
Die kleinen Dinge
Ja sicher, kleine Fehler sollte man beseitigen. Ein Tag, der nicht geschlossen wird? Ein falsches Attribut in einem Element? Ein fehlendes alt-Attribut in einem Bild? Kann der zuständige Webwoker in vielen Fällen schnell beheben. Sollte er auch. Klare Sache.
In dieser Hinsicht bin ich immer noch von Googles Startseite irritiert. Google kümmert sich um Webstandards, das sieht man an vielen anderen Stellen. Aber warum muss die Startseite so schlampig programmiert sein? Im body stehen "bgcolor=#ffffff text=#000000 link=#0000cc vlink=#551a8b alink=#ff0000", im Quelltext stehen Elemente wie <center> und <font>. Es wäre nun wirklich kein großer Akt, dort ein wenig aufzuräumen.
Nicht meine Schuld
Dann gibt es viele Fälle, in denen der Webworker einfach keinen Einfluss auf den Inhalt hat. Werbung ist so ein Fall. Skripte, die aus irgendwelchen Gründen auf der Webseite laufen müssen. Der Standardista sieht so etwas natürlich natürlich nicht gerne, schließlich gibt das der Webseite einen kleinen Makel. Aber er hat keinen Einfluss darauf. Also ignorieren und weiter.
Anders sieht es beim oft zitierten User-Content aus. Da hat man also ein hübsches CMS eingerichtet. Alles läuft fehlerfrei, bis der erste Redakteur sich an dem WYSIWYG-Editor versucht und horrenden Blödsinn verzapft – soll heißen: er produziert unsinnigen HTML-Code. Darüber kann man sich beschweren, aber mittlerweile sollte jedes große, bekannte, gute CMS in der Lage sein, solchen Content so aufzubereiten, dass es verdammt schwierig wird, unsauberen HTML-Code auszugeben.
Ich glaube nicht, dass es narrensichere Systeme gibt. Aber selbst, wenn der Editor an sich dazu neigt, fehlerhaften Code auszugeben, kann der Webworker in vielen Fällen einen Filter hinzuschalten, der HTML besser im Griff hat als der Editor oder der CMS-eigene Filter. Der HTML-Purifier läuft per Plugin zum Beispiel mit MODx, Drupal, Wordpress, Joomla oder Symfony. Außerdem stehen jede Menge anderer Filter zur Verfügung.
Der Zeit voraus
Bei den Webkrauts gab es neulich den Fall mit dem html5doctor.com. Natürlich mäkeln die meisten Validatoren an dieser Webseite herum. Schließlich nutzt der Doktor html5-Elemente wie <nav>, <header> oder <section>, die noch nicht offiziell zum Standard gehören. Insofern sind manche Webseiten eben ihrer Zeit voraus – und validieren deshalb nicht.
Ebenso verhält es sich mit neuen Attributen, die zur Barrierefreiheit beitragen. Pflichtfelder zum Beispiel werden gerne mit einem Stern * gekennzeichnet. Das reicht aus für alle User, die den Stern sehen können; Screenreader jedoch lesen entweder »Stern« vor – oder gar nichts. WAI ARIA schafft Abhilfe und bietet das Attribut aria-required="true" für das input-Element an. Das können die ersten Browser/Screenreader bereits verarbeiten – und auch der blinde Nutzer weiß somit, dass er hier was eintippen soll. Freilich sind noch nicht alle Screenreader soweit. Aber auch wenn der Validator meckert, ist es sinnvoll, denn das Attribut hilft jetzt schon einigen Nutzern. Daneben gibt es auch noch aria-invalid, aria-controls, aria-expanded und einiges mehr.
Minimal störend
Dann kommen noch die – subjektiv gesehen – absoluten Kleinigkeiten zum Zuge. Ein nicht umgewandeltes & ist nun kein Weltuntergang. Ein anderes Beispiel sind mehrfach gesetzte ids, zum Beispiel automatisch vergeben durch das CMS. Wenn ich nun die Wahl habe, drei Stunden zu investieren, um entweder ein CMS zu bändigen, das an irgendeiner Stelle leicht fehlerhaften Code erzeugt, oder die Zeit lieber in Inhalte, Text, Informationsarchitektur und Navigation zu stecken, dann lasse ich die kleinen Fehler lieber links liegen und kümmere mich um die wichtigen Dinge.
Null
Der umgehrte Fall übrigens: Wenn der Validator null Fehler ausspuckt, ist das natürlich eine schöne Sache. Auch hier muss man einen Blick unter die Haube werfen, um die Qualität beurteilen zu können. Man erreicht auch mit semantisch fragwürdigen Konstrukten wie <span class="ueberschrift h1"> oder einem Tabellen-Layout 0 Fehler. Null Fehler alleine sagen nicht besonders viel aus.
Was ich damit sagen will: Nur zu bemängeln, dass eine Webseite x Validierungsfehler hat, ist nicht zielführend. Es gibt richtig schlimme Fehler und es gibt belanglose Fehler. Man muss sich schon die Mühe machen und genau hinsehen.
Der Autor
Nicolai Schwarz arbeitet als selbstständiger Designer und Webentwickler in Dortmund. Natürlich legt auch er es darauf an, dass seine Webseiten validieren. Dennoch fragt er sich: Warum bemühen sich Leute eher um valide Webseiten als um passende Texte?
Titelbild: »Blue numbers on white background« von Grafissimo via istockphoto.com
Kommentare
Stephan schrieb am 07.09.2009:
Warum Google die angesprochenen Makel nicht umsetzt, ist mir ebenfalls immer noch ein Rätsel. Faulheit? – Ich kann es mir nicht vorstellen.
Blöd ist es dann nur, wenn Google mal wieder als Totschlagargument von Webdesigner XY angeführt wird: »Echt, meine/unsere Seite validiert nicht? Ist nicht schlimm, Googles Startseite ja auch nicht. Und die müssen es doch wissen!« Hier sollte Google einfach mit guten Vorbild voran gehen, zumal es nicht viel Arbeit kosten dürfte, den Mist aus dem Quellcode rauszuschmeißen.
Schepp schrieb am 07.09.2009:
Guter Text, insbesondere sehr nützlich um drauf hinzuweisen, falls einen die Kundschaft fragt, wieso eine Seite aufgrund von WAI-ARIA, HTML5 oder proprietären Attributen (à la Dojo Toolkit) nicht validiert. Letztendlich ist einfach wichtig, dass der Entwickler weiß, was er tut. Wenn er HTML verstanden hat und die Spielregeln mit einer sinnvollen Begründung bewusst ignoriert, dann passt das. Der Validator bleibt aber für all die wichtig, denen HTML noch nicht in Fleisch und Blut übergegangen ist. Da nehm ich das neunmalkluge "Gemecker" der Semiprofessionellen Truppe auf dem Weg zur Spitze gerne in Kauf. Noch eine Anmerkung zu Google: Googles Quelltext sollte man immer nur unter dem Blickwinkel des Zeichen-Einsparens betrachten. Bei den unzähligen Suchabfragen kommen Gigabytes an Trafficreduktion heraus, wenn die <center> anstelle von <div style="text-align: center;"> oder <div style="width: 400px; margin: 0 auto;"> verwenden. Webstandards sind denen solange egal, wie sie nicht kürzer sind als die invaliden Alternativen.
Christian schrieb am 07.09.2009:
Also warum Google nicht umrüstet ist mir eigentlich schon bewusst. Google ist so ziemlich die einzige Seite im Netz, von der wirklich jeder, und ich meine JEDER, erwartet das sie fehlerfrei ausgegeben wird, auch wenn z.B. unter einer Million Nutzern mal ein IE4 User dabei ist, oder jemand der mit einem Uralt-Netscape dabei ist.
Browser an die von uns keiner mehr denkt, aber gerade Google ist doch auch noch für Tante Erna die erste Anlaufstelle wenn sie mit ihrem 1996 gekauften PC mit 56k Modem ins Internet geht.
Das sind Dimensionen auf die dabei geachtet werden muss, die können wir uns mit unseren paar hundert Besuchern nicht im geringsten Vorstellen.
Glaubt mir: Wenn es für Google einen Weg gäbe den Quelltext um 40% zu kürzen, dann würden die es sicherlich auch machen. Bei denen bedeutet Traffic noch richtig Rechenleistung bzw. Geld ;)
Ansonsten ein Artikel der meine Ansicht widerspiegelt. Auch von einigen Agenturen kenne ich leider dieses Verhalten, wo ein aufgeregter Anruf bei mir eingeht wenn der Kunde was am CMS gedreht hat und jetzt ein & nicht richtig escaped wurde.... die Seite sei doch jetzt nicht mehr valide und wenn das der Kunde mit bekäme...
UschaSu schrieb am 07.09.2009:
Sehr schöne Zusammenstellung! Diese Dinge müssen hin und wieder einfach mal ausgesprochen werden.
Eins noch: Immer wieder wird bei Rezensionen hämisch darauf herumgeritten, der Validator gäbe eine 2-stellige Anzahl an Fehlern aus. Dabei wissen wir doch alle, wie schnell aus einem einzigen nicht geschlossenen Tag 10 oder mehr angezeigte Fehler werden können.
Nicolai Schwarz schrieb am 07.09.2009:
@Christian: Google hat schon ein Interesse daran, dass User moderne Browser nutzen. Schließlich kommt ja Wave in absehbarer Zeit. Und YouTube wird den Internet Explorer 6 nicht mehr unterstützen. Mag aber sein, dass für die Suche andere Regeln gelten.
Das Argument mit dem Traffic ist natürlich angebracht. Ich frage mich aber, ob es nicht möglich ist, die Seite nach Wenstandards zu bauen und trotzdem die Größe der Datei beizubehalten. Wäre vielleicht einen Artikel bei den Webkrauts wert.
Schepp schrieb am 07.09.2009:
Wäre vielleicht einen Artikel bei den Webkrauts wert.
Das wäre in der Tat mal eine schöne Knobelaufgabe für die Webkrauts!
Stephan schrieb am 17.09.2009:
Dieses Video untermauert Christians Ausführungen. Eine kurze Erklärung zu Why doesn’t google.com validate?:
http://www.youtube.com/watch?v=FPBACTS-tyg
Anonym schrieb am 23.09.2009:
Ein Standard entfaltet seine Wirkung nur, wenn er eingehalten wird.
webdesigner schrieb am 01.11.2009:
Dieser Artikel trifft in vielen Punkten genau den Nagel auf den Kopf! Da schreibt man einen fehlerfreies Template bis mal ein Redakteur kommt und schon mit dem ersten Beitrag alles über Bord wirft!
Dann die Validatoren die ja nicht nur Fehler sonder auch Warnings ausspucken. Also da fühle ich mich manchmal beformundet.
Langzeiturlaub schrieb am 19.01.2010:
Durchaus sollte man einen Validator nutzen und kleine Fehler beseitigen. Jedoch habe ich feststellen müssen, eine völlige Beseitigung ist nicht immer möglich.
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