Wie der Burggraf zu M. beschließt, dass seine Streitmacht der Verstärkung bedürfe, und sich zu diesem Ende mit seinem Schreiber bespricht. Wie die Vorgenannten im Zwiegespräch die im öffentlichen Aufruf zu erhebenden Ansprüche an die Bewerber festlegen, und wie sich schließlich ein geeigneter Mann findet.
Dramatis personae
Albrecht: Burggraf zu M.
Moritz von T.: sein Schreiber, Hofmarschall und Kämmerer
Kunigunde: Albrechts Frau
Heinrich Rademacher: ein fahrender Spielmann
1. Akt
Die Burg zu M. – Albrecht in seiner Kemenate, an die Brüstung des Fensters gelehnt, durch welches die Abendsonne hereinscheint. Vom Hofe herauf schallen das Getrappel von Pferdehufen und das Klirren von Rüstzeug.
Albrecht:
Da unten tummelt sich der Ritter Haufe,
Der unter meinem stolzen Banner streitet.
Welch große Taten werden nicht erzählt
Von überwundnen Feinden, Trotz und Mut,
Vollbracht zum Glanz und Ruhme meines Lehnsherrn
Und unsres Christengottes Preis und Lob!
Albrecht (nachdenklich):
Wenngleich, beseh ich recht die wackren Mannen,
Die dort im Hof den Schwertarm emsig üben,
So schau ich keine Recken dort wie einst,
Der Milchbart stellt sich da dem grauen Greis,
Der feiste Dickwanst sich dem dürren Schwächling,
Und auch die Zahl, kein Dutzend, ist ein Hohn!
Albrecht (sich umwendend und in den Raum hineinrufend):
Herbei, zu mir, mit Rat und klugen Plänen,
Mein alter Schreiber, Kämmrer! – Moritz, hierher!
2. Akt
Der Hofmarschall Moritz von T. tritt aus einem Nebengelass hervor und gesellt sich, ehrerbietig grüßend, zum Burggrafen ans Fenster.
Moritz:
Ihr rieft, mein edler Herr, wie kann ich helfen?
Albrecht:
Hast in der letzten Zeit nicht, lieber Moritz,
Die Streitmacht unsrer Burg mit Strenge musternd,
Auch du dich manches liebe Mal gefragt,
Ob Mannen wir an Zahl, Geschick und Kraft
Genügend unter unsren Fahnen haben?
Muss, Moritz, nicht ein neuer Ritter her?
Moritz:
Da habt Ihr recht, die Kampfkraft unsrer Truppen
Bedarf gewiss der Stärkung, hoher Burgherr!
Albrecht:
Nun denn, so sei es, lass uns nur nicht zögern,
Der Herold soll geschwind den Aufruf künden!
Moritz:
Diktiert nur rasch, welch Wesen soll der Ritter
Und welche Fertigkeiten dringend haben!
3. Akt
Der Burggraf und der Hofmarschall treten zu einem schweren Tisch, der vor dem Kamin steht, und setzen sich. Moritz von T. nimmt Pergament und Feder und blickt den Grafen wartend an.
Albrecht:
Gesucht wird für die Burg zu M. ein Ritter.
Recht stark und tüchtig soll er sein. Du hast es?
Und reiten können muss er wie ein Hunn!
Moritz:
Verzeiht, mein Herr, vergesset nur nicht eins:
Der Pferde sind nur viere uns geblieben.
Die müssen vor den Pflug zur Erntezeit!
Albrecht:
Recht hast du, treuer Moritz, also schreibe:
Als Infrantrist soll gleichfalls er bestechen.
Und recht erfahren soll er sein, ein Held,
Der unsre Mannen führen kann im Krieg!
Ein Mann, der auch in fremden Ländern kämpfte,
Vielleicht im Kreuzzug Lorbeern sich erwarb!
Moritz (sinnend zum Fenster hinblickend):
Ein solcher Ritter spräche fremde Sprachen
Und kann uns beim Verhandeln unterstützen.
Albrecht (begeistert):
Recht gut, recht gut! So schreib: der Ritter soll
Im Krieg ein Unterhändler auch uns sein.
Zu Friedenszeiten aber als Gesandter
Im Handel dienen und der Politik!
Moritz (verschmitzt):
Solch Weltmann hat gewiss noch manches andre
Gesehn und aufgeschnappt auf seinen Reisen:
In welschen Landen hohe Festungskunst,
Vom Chinamann den lodernd Feuerspuk,
Der Türken Heil- und Rechenwissenschaften –
Ich wollt nicht dreist sein, wolltʼs nur sagen, Herr.
Albrecht (mit der Faust auf den Tisch schlagend):
Ein Hoch auf deinen Witz, mein teurer Moritz!
Wir schreiben alles auf und fordernʼs dringlich:
Ein Ritter, welcher unsern alten Bergfried
Instandsetzt, mehr noch: kunstgerecht verstärkt.
Ein Ritter, der die Bücher führt und rechnet,
Als Feldscher Wunden heilt und meine Gicht!
Moritz:
Zum Bergfried noch: es fehln genügend Knechte,
Die Steine und den Mörtel hinzutragen!
Albrecht (nickt bedächtig):
Hast recht! So setz noch dies ins Dokument:
Der Mann soll helfen und belastbar sein!
(Moritz von T. taucht die Feder in das Tintenfass und ergänzt den Aufruf.)
Albrecht (zufrieden sich die Hände reibend):
Ich mein, die Sache ist nun rund und pfiffig
Die Gräfin, rasch! – Was sie wohl dazu sagt?
(Moritz von T. ab)
4. Akt
Der Burggraf wie zuvor am Tisch. Moritz von T. hat die Burggräfin hinzugeholt. Der Graf hält das vom Hofmarschall verfasste Dokument in die Höhe, das er soeben laut vorgelesen hat.
Kunigunde:
Das habt ihr wirklich gut gemacht, mein Burggraf,
Doch möcht ich eines gerne noch ergänzen:
Wenn Wissenschaft und Krieg und Handel ruhn
Soll er dann müßig gehn für unsern Sold?
Ich mein, er sollt in solchen Stunden kochen
Und uns mit Minnesang das Herz erfreun!
Albrecht (gönnerhaft lachend):
Sei's drum, mag dir das letzte Wort gehören
Und Moritz rasch das Dokument ergänzen!
Kunigunde (nachdenklich):
Doch wie mag sich der Fremdling bei uns fügen?
Was, wenn ein übler Schmutzfink, gar ein Wütrich
Uns per Vertrag unlösbar an sich zwingt?
Wie werden wir ihn jemals wieder los?
Moritz:
Erlaubt mir, hohe Herrin, diesen Vorschlag:
Auf Zeit nur soll der Ritter sich verdingen!
Albrecht (erleichtert):
Mein Moritz, mögen andre gülden schweigen,
wenn du nur weiter tapfer denkst und redest!
Schon wieder hast du ein Problem gelöst:
Der Ritter wird gedingt für jetzt und heut.
Ist aber kein Bedarf mehr, mag er gehen.
So schreib: ein fahrnder Ritter soll es sein.
Moritz:
Bleibt nur noch eines: Männer dieses Schlages,
Mein Burggraf, die sind teuer …
Kunigunde (dazwischenrufend):
… und meist älter!
Albrecht (abwinkend):
So schreib halt „Fahrnder Ritter oder Knappe“,
Bei Licht besehen ist es gleich, wen kümmertʼs?
Entscheiden werden wir – nicht wahr? – für den,
Der möglichst alles kann und wenig will
Und der, jawohl, zudem noch jung an Jahren.
Das dünkt mich doch ganz pfiffig, meiner Treu!
5. Akt
Ein Dorfplatz mit einer großen Linde im Hintergrund. In der Mitte steht ein gräflicher Herold und liest der zusammengelaufenen Menge die Bekanntmachung des Burggrafen Albrecht vor, dass er einen neuen Rittersmann suche. Ein stattlicher Kreuzfahrer mit staubbedeckter Rüstung hört zunächst mit großem Interesse zu. Als der Herold aber den Anforderungskatalog des Grafen vorträgt, wendet er sich kopfschüttelnd ab und reitet gemächlich davon. Die Dorfbewohner unterdessen brechen, je mehr Forderungen der Herold bekanntgibt, in immer lauteres Gelächter aus.
Im Vordergrund hat sich ein fahrender Gaukler gemütlich im Gras niedergelassen. Er trägt buntscheckige Kleider, eine keck in den Nacken geschobene Kappe und hat einen zahmen Affen bei sich. Während der Herold liest, streicht der Spielmann schmunzelnd seinen Bart und zupft hin und wieder spielerisch einige lustige Akkorde auf seiner Zither.
Heinrich Rademacher:
Ei, Teufel auch, mich dünkt, da lädt mich einer,
Zu königlichem Spaß und tollen Possen
Und will mir dafür auch noch zahln in Gold.
Es klingt, als sucht der Graf den Satan selbst,
Den Satan oder einen Possenreißer!
Wohlan, wir gehn, mein Äffchen! Es gibt Arbeit!
(Heinrich Rademacher ab)
Vorhang
Der Autor
Andreas Dölling stöbert als freier Web-Entwickler natürlich regelmäßig in den einschlägigen Stellen- und Projektbörsen im Internet und fragt sich immer wieder, ob die Leute wirklich allen Ernstes wollen, dass ein Entwickler zugleich das Design macht, die Server einrichtet und verwaltet und Texte ins Englische übersetzt.
Titelbild: »stained-glass window in Domsky cathedral« von katerinache via istockphoto.com
Kommentare
joon schrieb am 09.01.2009:
Das dünkt mich doch ganz pfiffig, meiner Treu!
Ich bin so ergrimmt darob,
Daß ich den Burgherrn mit der Hallbart hier
Den Kopf einschlagen möchte, allgesamt.
Danke Andreas, für den herrlichen Artikel!
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