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Magazin über Web und die Welt

Der virtuelle Schrebergarten von Andreas Dölling

Titelbild: Der virtuelle Schrebergarten

»Ich möchte nicht mehr immer nur in der Scheiße wühlen – ich will einfach ab und zu etwas Schönes tun!« schrieb mir kürzlich ein Freund und Kollege. Ich las seine Nachricht, blickte auf meine Hände und sah sie mal wieder bis fast zum Ellenbogen – nun ja: im Dreck stecken.

In der Scheiße wühlen, schreibt mein Kollege – und in der Tat: tun wir Web-Volk nicht genau das? Unsere Designs von Leuten zerstören lassen, die keine Ahnung von Design haben? Websites bauen, die vor äußerer Überladenheit und innerer Leere beinahe implodieren? Uns wieder und wieder unter das Joch unrealistischer Zeitplanungen beugen? Grauenhafte Texte lesen und verarbeiten? Vollkommen überflüssige oder unbenutzbare Web-Anwendungen entwickeln? Dinge tun und stundenlang diskutieren, die niemanden auf der Welt interessieren?

Tun wir nicht genau das? Nicht immer, nein – aber doch allzu oft?

Ich selbst hänge jedenfalls schon hin und wieder dem fatalistischen Gedanken nach, ob ich nicht meine Lebenszeit verschwende mit vollkommen unnützem und hässlichem Zeug. Ich meine: als Web-Entwickler im Frontend besteht eine der wichtigsten Fertigkeiten, die von mir erwartet werden, darin, Browser-Bugs zu kennen! Mein beruflicher Erfahrungsschatz setzt sich also zu einem großen Teil aus der Kenntnis dessen zusammen, was alles nicht geht oder unzulänglich ist.

Ich hatte mich einmal mit der Vorstellung getragen, als Web-Entwickler ein Handwerker zu sein. Doch als ich im Frühjahr einmal wieder ein komplexes Layout umsetzte – natürlich pixelgenau – und auf Browser-Phänomene stieß, die sich auch mein Kollege, ein ausgemachter Frontend-Gott, nicht zu erklären wusste, spätestens da wurde mir klar, dass ich mich weniger auf dem Boden eines Handwerks bewege als vielmehr im Bereich von Voodoo und Schamanismus.

In solchen Momenten bereue ich dann immer, nicht doch eine Schreiner-Lehre gemacht zu haben …

Zu diesen Ärgernissen kommt noch hinzu, dass jede Woche eine neue Sau durchs IT-Dorf getrieben wird, mit der man sich tunlichst zu befassen hat, wenn man am Ball bleiben will: ein neues Super-Framework hier; eine neue Browser-Version dort; ein hippes neues Netzwerk, das man kennen muss; ein noch besseres CMS, das alles bisher Dagewesene vergessen macht; ein neues Gesetz zu Pflichtangaben auf Websites; eine wahnsinnig neue Web-Technologie; ein neues Add-On und und und …
Man hat nie das Gefühl, irgendwann einmal angekommen zu sein, sich auf sicherem Grund einrichten und einmal mal in die Tiefe gehen zu können, sondern wankt eher über das trügerische Grün eines Moores und fragt sich, ob man diesen ganzen Irrsinn wirklich bis ins Rentenalter mitmachen will und kann.

Und an dieser Stelle komme ich zu dem eingangs zitierten Gedanken meines Kollegen zurück: »Etwas Schönes tun«!

Ich glaube, das ist genau das, was jeder, der irgendwie im IT-Irrenhaus arbeitet, tun muss, um nicht irgendwann das Internet zu hassen: mindestens ein eigenes kleines Projekt im Netz betreiben, ein Projekt, das keinerlei Ansprüchen genügen muss und welches keinem Zeitplan unterliegt – einfach so eine Art virtuellen Schrebergarten, den man nach Belieben hegen und pflegen oder verwildern lassen, mit einem hohen Zaun umgeben oder nach allen Seiten öffnen kann.

Man muss sich etwas Schönes im Netz schaffen, das einen immer wieder daran erinnert, wie großartig und wie wichtig und unwichtig zugleich das Internet eigentlich ist.

Damit meine ich nicht so etwas wie »Pisto«, denn dieses Magazin ist ja auch schon wieder auf Außenwirkung bedacht und setzt seine Macher unter Schaffensdruck. Nein, ich meine etwas Spielerisches, etwas Schönes. Zum Beispiel ein Blog, in welchem man einfach jeden Tag eine Person lobt. Oder man sammelt Lieder, in denen ein bestimmter Begriff vorkommt. Oder niedliche Tierfotos.

Und wenn man dann gleichzeitig noch stets im Hinterkopf behält, dass es da noch diese Welt außerhalb des Webs gibt – dann lässt es sich schon aushalten.

Bis auf Weiteres jedenfalls.

Der Autor

 Andreas DöllingAndreas Dölling arbeitet seit 1999 als Web- Entwickler, kann es aber nicht lassen, seine Nase immer wieder in Bereiche zu stecken, die ihn eigentlich gar nichts angehen, und seine Meinung dazu kundzutun.

Titelbild: »Schrebergarten« von Michael Dölling

10.10.200811 Kommentare

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Kommentare

So einen Schrebergarten mit Liedern, in denen ein bestimmter Begriff vorkommt, gibt es übrigens tatsächlich schon: auf gnomen est omen geht es um - na klar - Gnome.
Aber ein Blog, in dem jeden Tag einfach jemand gelobt wird, gibt es, glaube ich, noch nicht. Oder?

Tun wir nicht genau das? Nicht immer, nein – aber doch allzu oft?

Und einen Ausgleich dazu braucht man unbedingt. Nicht nur außerhalb des Web. Sondern auch darin.

Herrlich, die Analogie Schrebergarten <=> Webprojekte.

jawoll, du sprichst mir aus der seele!! diese sehnsucht nach schrebergarten ist aber auch eine kleine alterserscheinung und ein burn-out alarmglöckchen. die lebenszeit flutscht weg wie nix vor dem bildschirm. geht mal lieber an die sonne, alle, und lernt die bäume im park.

@Maria: Du hast schon recht. Und ja: kein virtueller Schrebergarten auf der Welt kann einen Waldspaziergang oder eine Radtour an einem goldenen Herbsttag ersetzen!

Sehr interressant. von UK

Ich wußte, dass ich was verpasse, wenn ich meinen RSS-Reader nicht mehr lese. Es ist leicht, nicht in den Reader zu schauen, weil man nicht weiß, was man verpasst. Wenn ich aber – wie im Fall dieses Artikel – durch Glück doch finde, was mir entgangen wäre, dann tut es doch weh. Denn … Du hast Recht, oh so unglaublich recht.

Und ich freue mich, dass ich neben meinem Blog schon bald noch einen weiteren Schrebergarten im Netz haben werden. Das wird schön. Ich melde mich, sobald es soweit ist. Bis dahin: Danke!

"Aber ein Blog, in dem jeden Tag einfach jemand gelobt wird, gibt es, glaube ich, noch nicht. Oder?"

naturlich gibt's den, hier:
http://www.dailygood.org/

Fuer mich eindeutig der Text des Monats.

Aua! Das tut beim lesen schon echt weh. Kann ich aber voll verstehen, sowohl die Frustration, als auch das Bedürfnis, etwas schönes zu schaffen. Persönlich kompensiere ich für den drögen Arbeitsaltag mit Aktivitäten in der Literaturszene. Bringt zwar kein Geld, ist aber gut für Geist und Gemüt (unbeabsichtigter Stabreim...)
Mein regulärer Job hat nur Miete und Urlaub zu bezahlen.

als Web-Entwickler ein Handwerker zu sein. http://www.topchinatrip.com/ Doch als ich im Frühjahr einmal wieder ein komplexes Layout umsetzte – natürlich pixelgenau – und auf Browser-Phänomene stieß, die sich auch mein Kollege, ein ausgemachter Frontend-Gott, nicht zu erklären wusste,

Werbe-Kommentare werden wir übrigens löschen. Im Zweifel nehmen wir zumindest den Link zur beworbenen Homepage raus.

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