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Ich bin vergesslich. Hurra! von Guido Boyke

Titelbild: Ich bin vergesslich. Hurra!

Schon in der Schule machte mir mein Gedächnis hier und da einen Strich durch die Rechnung. Durch elektronische Helferlein versuchte ich diesem Missstand Herr zu werden. Unzählige Daten wurden nun angehäuft, die ich vor ein paar Jahren einfach weggeschmissen hätte. Nun frage ich mich: Muss das sein? Und fordere: Mehr Mut zum Löschen und Vergessen.

Ich gebe zu, ich bin vergesslich. Einkaufszettel, To-Do-Listen oder der eine oder andere Weg, den ich doppelt mache, weil ich einfach vergessen habe, dass ich auf dem Weg zum Bäcker ja auch die Briefe in den Briefkasten werfen wollte, gehören zu meinem Alltag. Auch Geburtstagslisten oder ähnliches sind mir nicht fremd. Ich bin einfach ein vergesslicher Mensch, aber ich habe gelernt damit umzugehen. Für Menschen wie mich wurden diese kleinen gelben Zettel erfunden, die man überall hinkleben kann. Und das tue ich auch hier und dort

Im Grunde bedeutet Behalten für mich: Mühe. Momentan bin ich dabei, Französisch zu lernen, und ich muss dazu sagen, dass ich bereits in der Schule meine Schwierigkeiten hatte, Vokabeln zu lernen. Mit dem Lernen dieser Vokabeln und meiner Vergesslichkeit prallen da also mal wieder zwei Welten aufeinander, und ich wünschte mir: Würde ich doch alles behalten, was ich lese, oder zumindest schneller behalten, als ich es momentan tue.

Über diesen Umstand habe ich in den letzten Wochen tiefer nachgedacht und bin zu einem ganz anderen Ergebnis gekommen. Schließlich kann man diese als Einschränkung empfundene Eigenschaft auch als Fähigkeit sehen.

War was?

Vergessen zu können, wirklich vergessen zu können, kann auch ein Segen sein. Natürlich nur in gewissen Grenzen, ist ja klar, aber wenn diese Eigenschaft nicht zu extrem ausgeprägt ist, dann hat sie durchaus auch eine Funktion, nämlich sich auf Weniges konzentrieren zu können. Etwas wissenschaftlicher ausgedrückt: Das Gehirn muss nicht jede einzelne Wahrnehmung verarbeiten und speichern – und kann damit seine Kapazität für wichtigere Denkprozesse bereitstellen.

Und dieses Verhalten ist ja auch durchaus sinnvoll. In der Vergangenheit mussten wir uns im Vergleich zu heute sehr wenige Dinge merken. Es war einfach nicht überlebenswichtig, Tausende von kleinen Details abrufbereit im Kopf zu haben. Es gab auch viel weniger Dinge, die man sich hätte merken können. Begriffe wie Informationsflut waren ja sogar noch vor ein paar Jahren unbekannt. Im Vergleich zur Zeit vor 5000 Jahren oder vor 500 Jahren oder auch vor hundert Jahren müssen wir heute mit sehr viel mehr Informationen umgehen. Informationen, die man sich irgendwie merken muss.

Sammeln, sortieren, speichern, abrufen

Ganz früher waren Dinge, die man sich nicht merken konnte, verloren, es sei denn, man hatte das Wissen mit jemandem geteilt.
Heute können wir unserer vermeintlichen Schwäche mit technischen Hilfsmitteln entgegenwirken. Mit einem Buch und einem Stift kann man viele Dinge festhalten. Reicht zumindest, um Geburtstagslisten, Telefonnummern, Kochrezepte oder auch Wegbeschreibungen festzuhalten.

Elektronische Datenverarbeitung bietet uns seit einiger Zeit noch ganz andere Möglichkeiten. Speicher ist billig, und Informationen werden zunehmend digital zur Verfügung gestellt. Intelligente Suchalgorithmen erlauben, auch große Datenbestände noch zu bändigen.

Nun ist es aber so, dass wir diese neuen Möglichkeiten nicht nutzen, um das Notwendige an Informationen elektronisch zu verwalten, sondern wir erliegen der Versuchung, möglichst alle Informationen lückenlos zu erfassen, zu archivieren und so für immer verfügbar zu machen.

Oft geht dies ja auch sehr einfach. Man vergleiche einfach mal die Menge an Post, die noch vor ein paar Jahren in unsere Briefkästen wanderte, und das, was sich mittlerweile in unsere Mailfächer verirrt hat. Was ist einfacher zu archivieren und auch später zu durchsuchen? Da hat die elektronische Post eindeutig Vorteile. Obwohl die Menge viel größer ist als die Papierpost, die wir früher empfangen haben.

Lückenlose Selbstüberwachung

Nun habe ich vor einiger Zeit mal den Film »The Final Cut«gesehen. Dort haben Menschen in der Zukunft einen kleinen Chip eingebaut, der alle visuellen Informationen, die sie im Laufe unseres Lebens aufnehmen, aufzeichnet und wieder abrufbar macht.

Kurze Zeit später fiel mir dann ein Artikel in die Hände über den Versuch einiger Mitmenschen, ein ähnliches lückenloses Protokoll ihres Lebens zu erstellen. Sie binden sich dann entweder eine Kamera um den Hals, oder sie stecken sich eine kleine Minikamera an den Brillenbügel. Und so wird dann mehr oder weniger den lieben langen Tag aufgezeichnet und abends auf eine Festplatte übertragen. Ziel dabei ist ein lückenloses Tagebuch, allerdings ohne Kommentare oder Zusatzinformationen.

Kommentieren ist hier auch kaum möglich. Wer sollte diese gigantische Datenmenge aufarbeiten und vor allem: wann sollte dies passieren, werden auf diese Art doch schneller neue Informationen erzeugt, als sie kommentiert werden könnten.

Aber natürlich hat man auch dieses Problem schon erkannt und arbeitet an einer automatischen Kategorisierung von Filmmitschnitten. Durch Mustererkennung oder durch GPS-Daten könnte man zum Beispiel den Film automatisch mit Informationen anreichern, die einem später eine gezielte Suche ermöglichen.

Der Wert des Vergessens

Ich kann mir auch gut vorstellen, dass man dieser Datenflut Herr werden und sogar automatisch intelligente Verknüpfungen dieser Daten herstellen kann. Vielleicht könnte man dann irgendwann einmal eine Abfrage folgender Form stellen: »Gib mir alle ersten Begegnungen mit meinen aktuellen Freunden« oder »Gib mir alle Momente in denen ich Geburtstagskerzen ausgepustet habe«. Das klingt ja auch irgendwie reizvoll, aber diese Spielerei hat auch durchaus ihre Schattenseiten. Und da kommen wir wieder zum unterschätzten Wert des Vergessens.

Menschen vergessen nun mal, und sie haben Strategien entwickelt, damit zu leben, zum Beispiel kleine gelbe Klebezettel für die wichtigeren Dinge. Auch ermöglicht das Vergessenkönnen, über schlimme Dinge hinwegzukommen. Es gibt einfach viele Situationen, an die wir uns gar nicht erinnern wollen, und oft bekommen wir Probleme, wenn wir sie nicht vergessen oder zumindest verblassen lassen können. Vergessen ist geradezu überlebenswichtig. Wir erkaufen es uns mit der Notwendigkeit, ein Telefonbuch führen zu müssen, aber das ist noch erträglich im Vergleich zum Verlust dieser Fähigkeit.

Jeder hat den einen oder anderen Moment in seinem Leben, an den er nicht so gerne zurückdenkt. Damit meine ich gar nicht mal so gravierende Dinge wie den Verlust von lieben Menschen oder einen schlimmen Unfall. Das können ganz triviale Dinge sein, wie sich in den Finger zu schneiden. Wir wissen zwar vielleicht noch den Vorgang, haben allerdings alle Kleinigkeiten vergessen, die damit im Zusammenhang standen. Das ist aber nicht bei allen Menschen so.

Menschliche Datenbanken

Es gibt tatsächlich Menschen, die nicht vergessen können. Die wissen genau, was sie vor 934 Tagen zum Frühstück gegessen haben. Ziemlich unnütz, wenn man gleichzeitig weiß, dass sie dies mit der Unfähigkeit erkaufen, sich auf ganz alltägliche Dinge konzentrieren zu können. Denn diese Unfähigkeit, Dinge zu vergessen, führt zu einer ständigen Aufgewühltheit und Rastlosigkeit. Alte Bilder tauchen immer wieder auf und verwehren damit den Blick auf die Gegenwart.

Natürlich ist diese Krankheit ein Extrem in Sachen Nicht-vergessen-Können, aber dieses Beispiel soll ja auch nur zeigen, dass das Vergessen oder Verblassen von Erinnerungen durchaus seinen Sinn hat. Deshalb ist es grundsätzlich in Frage zu stellen, ob ein künstliches Herbeiführen eines solchen Zustandes lückenloser Erinnerung durch kontinuierliche Aufzeichnung des ganzen Lebens, wirklich wünschenswert ist.
Ob und wie eine solche Lebensweise uns selbst verändert, ist zwar eine interessante Fragestellung an sich, einen Selbstversuch würde ich dennoch nicht machen wollen.

Alles muss raus

Einige Fragen, die sich aus der ständigen Aufzeichnung ergeben sind zum Beispiel, ob man sein Verhalten ändert, weil man ja weiß, dass alles archiviert wird. Oder ändern andere Menschen ihr Verhalten mir gegenüber? Werde ich selber es noch wagen zu lügen? Werden andere mich mehr oder weniger anlügen, oder werden sie gar den Kontakt mit mir meiden…

Ich für meinen Teil halte diese Archivierungswut für entbehrlich. Vor ein paar Wochen habe ich erst einmal alle E-Mails gelöscht, die älter als zwei Jahre waren. Das war mehr als ein Gigabyte. Als nächstes werde ich in meinen Keller gehen und alles rauswerfen, was ich in den letzten zwei Jahren nicht mehr gebraucht habe und von dessen Existenz ich auch schon gar nicht mehr weiß.

Ich wollte noch etwas Abschliessendes sagen, ein ganz schlaues Zitat, aber auch das habe ich leider vergessen. Gott sei Dank.

Links zum Artikel

Weitere Infos zum Film The Final Cut bietet Wikipedia, ebenso wie Artikel zu den Stichwörtern Sousveillance und MyLifeBits. Der Stern berichtet über den kanadischen Dokumentarfilmer Rob Spence, der sein zerstörtes rechtes Auge durch eine Miniaturkamera ersetzen lassen möchte.

Interessant ist in diesem Zusammenhang vielleicht auch die Vergessenskurve nach Ebbinghaus. Oder ein Artikel beim Focus über Vergessen statt aufarbeiten. Bei Wikipedia wiederum gibt es eine kurzen Absatz über das Vergessen und eine Erklärung des Hyperthymestischen Syndroms.

Der Autor

 Guido BoykeGuido Boyke ist als selbstständiger Webentwickler in Hamburg tätig. Er arbeitet haupsächlich in den Bereichen Typo3 und PHP. In letzter Zeit hat er aber auch ein Auge auf Ruby on Rails geworfen.

Titelbild: »Grunge Photo Layer« von spxChrome via istockphoto.com

02.06.20093 Kommentare

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Kommentare

Ich habe den Artikel gleich mal zum Anlass genommen, um mehrere Ordner der Sorte »Könnte ich vielleicht nochmal brauchen« zu entsorgen. Alte Web-Magazine von 2002 muss ich nun wirklich nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag archivieren.

Ich habe auch den Eindruck, dass die Leute die Fähigkeit verlieren, sich zu fragen, WARUM sie eine Information archivieren wollen oder OB eine archivierte Information überhaupt noch Relevanz hat.
Ich muss da an diese superschlauen Personaler denken, die vor Bewerbungsgesprächen im Netz "recherchieren" (also googeln) und es dann gaaaanz schlimm finden, wenn sie Fotos von vor 4, 5 Jahren finden, auf denen der Bewerber abgelichtet ist, wie er z.B. nach dem Abi oder dem Diplom Party gemacht hat.
Das ist so bescheuert. Da werden ganz tolle Informationen zusammengesucht und zu einem scheinbar aussagekräftigen Profil kombiniert - und so der Blick für die Gegenwart verstellt.
In unserem Gehirn verschwinden nicht so wichtige Erinnerungen allmählich, wichtige Informationen entfallen uns nicht so leicht. Das Internet ist aber nicht so schlau. Dort stehen erst mal alle Informationen gleichwertig nebeneinander ...

Heute las ich auf der Website des „Guardian“ einen Kommentar, der sehr gut zum Thema passt: „The rise of the camera-phone“ (http://www.guardian.co.uk/technology/2010/jan/08/stuart-jeffries-camera-...).
Sehr lesenswert, zumal der Autor Stuart Jeffries nach einem furiosen Einstieg, in dem er aus allen Rohren – und sehr eloquent – gegen die allgegenwärtigen Kamera-Telefone schießt, auch deren Vorzüge beleuchtet.

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