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(Nicht mehr) Auf »Hartz IV« von C. R. Griffin

Titelbild: (Nicht mehr) Auf »Hartz IV«

Fast 5 Millionen Menschen beziehen Arbeitslosengeld II. Das sind eine Menge Menschen, die von einem fehlerhaften System abhängig sind. Ich war auf »Hartz IV«. Keine schöne Erfahrung.

Arbeitslosengeld II erhalten Menschen, die hilfebedürftig und erwerbsfähig sind und entweder nie einen Anspruch auf Arbeitslosengeld I hatten oder dieses länger als 12 Monate bezogen haben. Ich beantragte »Hartz IV« als Selbstständige, als ich nicht mehr wusste, wie ich meine Miete oder meine Krankenkassenbeiträge bezahlen sollte. Finanziell war es für mich vielleicht keine ideale Lösung aber immerhin eine Verbesserung. Es wird viel darüber diskutiert, ob »Hartz IV« zum Leben reicht, aber das ist nicht das einzige und vielleicht noch nicht einmal das größte Problem.

Sabotage

Eines der Probleme sind die Auflagen, die je nach Person variieren. Eine der Auflagen ist, mindestens x Bewerbungen pro Monat zu verschicken. Wie viele Bewerbungen ein »Hartz IV«-Empfänger verschicken muss, hängt vom Fallmanager ab. Kriegt man einen Job, darf man diesen prinzipiell nicht ablehnen.

Das Problem: Ich hatte anfangs vermutlich einfach Angst davor, einen Job angeboten zu bekommen, den ich eigentlich nicht wollte. Das zweite Problem war, dass es nicht unbedingt ausreichend interessante Angebote in der Umgebung gab. Die gängige Taktik in solchen Fällen scheint zu sein, dass man zumindest teilweise Bewerbungen rausschickt, die zwar gut genug sind, um beim Fallmanager durchzugehen, die aber auf keinen Fall eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch zur Folge haben.

Es ist schwer zu sagen, wie viele Menschen diese Taktik verfolgen, aber es ist sicherlich der leichteste Weg, um keinen Ärger mit den Behörden zu kriegen. Ich selber fand diese Taktik furchtbar, weil das heißt, dass Unternehmen Bewerbungen von Menschen kriegen, die definitiv kein Interesse an der angebotenen Stelle haben. Jetzt könnte man Arbeitslosen zwar sagen, dass sie gefälligst nicht wählerisch zu sein haben, aber in der Regel suchen Arbeitgeber immer noch jemanden, der den Job auch tatsächlich will.

Ich selber mache ständig Dinge, die ich nicht wirklich will, weil sie getan werden müssen. Aber ich kann mich nicht zwingen sie zu wollen, und ich bin sehr schlecht darin mir einzureden, dass ich etwas mag, wenn das nicht der Fall ist. Die Frage ist also, was die Quoten tatsächlich bringen sollen. Wenn man einen Job will, bewirbt man sich. Wenn nicht, sabotiert man den Arbeitsmarkt mit unsinnigen Bewerbungen, für die man dann auch noch Geld kriegen kann.

Lotterie

Wenn ich mit Leuten spreche, die »Hartz IV« beziehen, dann weichen die Erfahrungen teilweise stark voneinander ab. Einige werden optimal gefördert und haben keine Probleme. Anderen wird das Leben schwer gemacht. Das liegt allerdings nicht unbedingt an den Leuten, mit denen ich spreche. Ich selber habe sehr schlechte, aber auch gute Erfahrungen gemacht. Und so geht es auch anderen.

Das Problem sind der Ermessensspielraum und zum Teil auch die Postleitzahl. Eine Zeitlang schien man Pech zu haben, wenn man in bestimmten Stadtteilen wohnte. Da davon abgeraten wird, Unterlagen mit der Post zu schicken, muss man stundenlang schlangestehen. Für eine persönliche Vorsprache muss man schon einmal ein paar Wochen auf einen Termin warten. Oder man ruft bei der Hotline an, bei der die Auskunft nicht immer besonders akurat ist. Inzwischen habe ich aber erfahren, dass auch die Leute aus den besseren Stadtteilen das gleiche Problem haben.

Bei den Fallmanagern gibt es solche, die direkt mit Sanktionen drohen, und solche, die einem relativ viel Vertrauen entgegenbringen. Braucht man einen Zuschuss, weil man keine passende Kleidung für ein Bewerbungsgespräch hat, entscheidet darüber der Fallmanager. Wie leicht es einem gemacht wird, eine Fortbildung zu bekommen, hängt ebenfalls im Wesentlichen von eben dieser Person ab. Neben dem Ermessensspielraum sind die Fallmanager aber auch unterschiedlich gut über tatsächliche Rechte und Pflichten informiert. Die Aussage, dass ich jeden Job annehmen müsse, und sei es als Kassiererin, war in meinem Fall vermutlich nicht rechtens, da man nicht jede Person zwingen darf, tatsächlich jeden Job anzunehmen.

Und dann gibt es noch das Problem, dass die Leistungsabteilungen anscheinend hoffnungslos überlastet sind und fehlerhafte Bescheide rausschicken. Das kann besonders dramatisch sein, weil es im Zweifelsfall bedeutet, dass man erst mal kein Geld mehr kriegt. Die Ermessensspielräume und die Fehleranfälligkeit des Systems bedeuten im Endeffekt, dass man nie weiß, womit man zu rechnen hat.

Für mich war das ein Anreiz dafür, entweder nichts an meiner Situation zu ändern oder ganz vom Amt wegzukommen. Ich hatte immer mal wieder die Möglichkeit zu meinem 400-Euro-Job etwas dazu zu verdienen. Aber mir war das Risiko zu hoch, dass bei der Bearbeitung meines Antrags etwas schief läuft. Genau das war mir in der Vergangenheit bereits einmal passiert. Also ließ ich alles so, wie es war, und minimierte den Kontakt mit der Arge (Arbeitsgemeinschaft nach dem SGB II oder auch Jobcenter).

Hal

Hal ist der Computer aus Kubricks »2001«, der aufgrund von widersprüchlichen Befehlen ausrastet. Mein größtes Problem mit meiner Zeit auf »Hartz IV« war die Widersprüchlichkeit im System. Als ich merkte, dass ich tatsächlich ganz gute Chancen auf eine Stelle habe, habe ich angefangen, das System einfach zu ignorieren.

Das heißt, dass ich keine schwachsinnigen Bewerbungen mehr geschrieben habe, nur um eine Quote zu erfüllen. Das heißt auch, dass ich tatsächlich eine Stelle abgelehnt habe, weil es einfach nicht passte. Ich konnte deutlich entspannter in Bewerbungsgespräche gehen, weil ich nicht überlegen musste, ob ich mich vielleicht schlechter machen muss als ich bin. Im Zweifelsfall kann ein Job, bei dem es einfach nicht passt, dazu führen, dass die Anstellung nicht lange hält. Das macht sich dann auch nicht besonders gut im Lebenslauf und führt im Zweifelsfall zurück zum Amt.

Zwar hatte ich immer noch manchmal ein schlechtes Gefühl dabei, weil ich nicht wusste, ob mich nicht vielleicht doch noch Sanktionen erwarten, aber immerhin litt ich nicht mehr unter den Gewaltphantasien (Sachbeschädigung, Körperverletzung, Mord, Amokläufe), die das Wollen-Müssen, die Unsicherheit und die Kontrolle meines Verhaltens davor in mir ausgelöst hatten.

Zwang und Druck sind für mich nicht vereinbar mit selbständigem Denken und Selbstbewusstsein. Stattdessen erinnert mich das Motto »Fördern und Fordern" eher an eine missglückte und veraltete Strategie für Grundschulen. Im Endeffekt habe ich mich für meine Würde entschieden – so ziemlich das einzige, was ich noch hatte. Meine Taktik ist für mich aufgegangen, und ich habe inzwischen einen Job.

Vision

Für mich wäre fast jedes System besser als »Hartz IV«. Ich kenne niemanden, der gerne »Hartz IV« bezieht oder sich damit wohl fühlt. Ich selber habe nie ein Sozialticket beantragt, weil ich nicht ständig daran erinnert werden wollte, dass ich »Hartz IV« beziehe, und ich das Ticket auch niemandem hätte zeigen wollen. Es gibt definitiv ein Stigma und das Gefühl, versagt zu haben.

Natürlich könnte die Politik für bessere Bildung sorgen, eine bessere Berufsberatung anbieten und Vermittler einstellen, die wissen, was der Markt verlangt. Leichter wäre es aber vermutlich, wenn man wenigstens darauf verzichten würde, die Argen als Serviceeinrichtungen hinzustellen. Die Wörter »Service« und »Beratung« müssten in den meisten Fällen einfach gestrichen werden, und auch Formulierungen wie »Herzlich Willkommen« oder »Wir helfen Ihnen« scheinen eher zynisch.

Entweder wissen Arbeitslose sehr gut selber, wie sie an einen Job kommen, oder es gibt grundlegende Probleme. Im ersten Fall blockiert das System sie eher, im zweiten Fall bräuchte man vermutlich ohnehin andere Maßnahmen – und damit meine ich nicht Sanktionen.

Der Autor

 C.R. GriffinC. R. Griffin musste sich rund zwei Jahre mit »Hartz IV« herumschlagen, nachdem ihr Studium sich als die falsche Wahl herausgestellt hatte. Ein Jahr verbrachte sie in einer Qualifizierungsmaßnahme. Inzwischen hat sie einen Job, der ihr gefällt und mit dem sie nicht mehr hilfebedürftig ist.

Titelbild: »Filing Cabinets« von mevans via istockphoto.com

31.10.20082 Kommentare

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Kommentare

Ich war zwischen einer Entlassung aus betriebsbedingten Gründen und einer Neueinstellung in einer anderen Stadt auch ein paar Monate arbeitslos. Deine Erfahrungen kann ich genauso bestätigen.

Ich habe mich wahllos bei Eliteagenturen beworben, ohne überhaupt auf Einstellung zu hoffen, sogar bei denen, von denen ich die Wirtschaftslage oder Einstellungsstops kannte (E7, Pixelpark etc.), nur um dem Amt die "Mindestbewerbungen" vorzulegen. Bei einigen kam die Absage 5 Minuten später, konnte man also gleich ausdrucken und für den Berater abheften.

Das System ist nicht nur über alle Maßen bürokratisch, sondern auch total veraltet. Die sind nicht in der Lage sich an den derzeitigen Arbeitsmarkt anzupassen.

Als Webdesigner und Programmierer mit 7 Jahren Erfahrung in diversen Bereichen, packte mich die Beraterin in irgendeine Kategorie, die ihrer Meinung nach passte: "Ist das was mit Computes?". – "Ja".

Die Folge dieser Antwort von mir waren Briefe von irgendwelchen Ausbeutern aus unattraktiven Firmen, wo ich Excel oder Word-Kram erledigen sollte. Der Befehlston in den Briefen war immer eine Zumutung: "Sie müssen innerhalb von X Tagen bei diesem Arbeitgeber vorstellig werden". Unglaublich so was! Am Ende habe ich diese Briefe, auf Ökopapier gedruckt, nichtmal mehr geöffnet.

Dazu kam noch, dass ich ALLE Unterlagen neu beschaffen musste, weil die seit meiner Arbeitslosigkeit 4 Jahre zuvor (zwischen Schule und Job, 2 Monate) alle Unterlagen schon vernichtet hatten. Die paar hundert Kilobyte in der Datenbank machen es ja wirklich! Alle Belege für Festgeldkonten, Historie, alle Bescheinigungen. Alles neu.

Armes Deutschland …

Ein Freund von mir musste nach mehr als fünf Jahren sein Ladengeschäft aufgeben und Hartz IV beantragen. Er hat jahrelang mit Großhändlern verhandelt, die Logistik über die diversen IT-Systeme abgewickelt, Kunden zufriedengestellt, zeitweise sogar Angestellte gehabt – und nun wurde er direkt nach der Beantragung der staatlichen Unterstützung zu einer „Weiterbildungsmaßnahme“ verdonnert, wo er die kommenden vier Wochen täglich zusammen mit Leuten sitzt, die zum Teil nicht richtig lesen und schreiben können und erst recht nicht wissen, wie man einen Rechner bedient.
Das spricht nun nicht gegen diese Menschen, die Förderung brauchen und bekommen sollten, sondern gegen ein System und ein Verständnis von Förderung, das so verschiedene Menschen einfach in einen Topf wirft und diejenigen, denen wirklich Grundlagen fehlen, nicht weiterbringt, während es jene, die sehr wohl gut ausgebildet und motiviert sind, schlicht bei einem Neuanfang behindert.
Ganz wie die Autorin es ja schon in ihrem Artikel schreibt …

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