Als Webworker ist man ja froh, wenn ein Newsletter oder ein Shop so funktionieren wie sie funktionieren sollen. Da laufen die E-Mails, die ein System selbstständig verschickt, unter »besonders nebensächlich«. Dabei bieten auch automatische E-Mails eine ideale Gelegenheit, um Stimmung zu machen.
Guybrush Threepwood, Held meiner Jugend, ist wieder unterwegs. Telltale Games hat sich die Rechte gesichert und bringt im Juli »Tales of Monkey Island« auf den Markt. Wie könnte ich als Liebhaber alter Point-and-Click-Adventures da widerstehen? Ich habe also kurzer Hand das Spiel vorbestellt. Wenig später erreichte mich eine liebevoll getextete E-Mail, die best-getextete E-Mail, die mir in langer Zeit untergekommen ist. Dort stand:
We love you. Why?
You bought some stuff!
Not that we wouldn't love you just as much if you hadn't bought something from our store. But now you're our favorite. Don't tell the others.
In gewisser Weise könnte man das zwar als banal getextet ansehen. Aber es ist in jedem Fall um Längen besser als die technische E-Mail, die ich nach meiner letzten Bestellung bei Amazon erhalten habe:
Vielen Dank für Ihre Bestellung, Nicolai Schwarz!
Möchten Sie Ihre Bestellung ändern?
Wenn Sie Ihre Bestellung überprüfen oder ändern möchten, besuchen Sie unsere Homepage unter Amazon.de und klicken Sie auf den Button "Mein Konto", den Sie oben rechts auf jeder Seite finden.
Und nicht nur, dass Telltale Games bei den ersten Sätzen besser abschneiden. Nein, sie schaffen es auch, auf das Produkt an sich einzugehen. In meinem Fall also auf Monkey Island, ein Computerspiel, das sich um Piraten in der Karibik dreht. Weiter unten ist zu lesen:
Avast, ye scurvy sea-dogs and welcome to the motley crew of the good ship Pre-Order. I'll wager you've got booty on your mangy minds and we here at Telltale don't aim to disappoint you on that score. So lend me your pox-ridden ears and I'll tell you a tale of king's ransom in ill-begotten goods and services that be setting sail in your direction even as we speak!
Locker getextet und passend zum Produkt. Ich mag Leute, denen ihre Texte am Herzen liegen.
Distanziert und emotionslos
Webworker, die alleine an einer Website arbeiten, haben meist andere Prioritäten, als die Texte ihrer automatischen E-Mails aufzupäppeln. Aber von größeren Websites, bei denen viele Leute an den Inhalten arbeiten, erwarte ich einfach mehr. Noch nicht einmal viel mehr. Einfach nur eine Sprache, die zur Website passt.
Zum Beispiel bekomme ich seit Jahren die Newsletter von der Unicum (weil ich mein Passwort vor langer Zeit vergessen habe und ein Klick auf Löschen so einfach ist). Die letzte E-Mail begann mit:
Hallo Nicolai Schwarz,
wir möchten Sie auf unser neues, kostenloses Angebot aufmerksam machen: das UNICUM Studentenfutter.
Montags, mittwochs und freitags haben wir den Nachrichtenüberblick in 100 Sekunden für Sie: exklusive Beiträge und die Rosinen aus (Online-)Medien und anderen Nachrichtenquellen. Unten können Sie in die aktuellen News von heute reinschnuppern.
Die Unicum richtet sich traditionell an Studis, in der Mail geht es um das »Studentenfutter«. Warum zur Hölle werden Studis gesiezt? Die Unicum will doch ihre lockere, studentische Plattform bewerben. Die Website selbst duzt die Besucher, warum schafft es die E-Mail nicht?
Ein Blick in meinen Posteingang zeigt schlimmere Fälle. Der Registrierungsservice von DerWesten.de verschickt eine E-Mail, deren rechtlicher Fuss so lang ist wie die eigentliche Nachricht.
Sehr geehrter Nutzer,
schön, dass wir Sie bei DerWesten.de begrüßen dürfen. Mit diesem Login sind Sie in allen Bereichen von DerWesten.de registriert. Bitte beachten Sie, dass Sie gegebenenfalls für die vollständige Nutzung weitere Daten eingeben müssen.
Um Ihre Registrierung zu bestätigen, klicken Sie bitte auf folgenden Link:
https://sso.derwesten.de/doi/check.php?h=[zahlencode]
Danach können Sie sich mit Ihren Benutzerdaten einloggen.
Mit freundlichen Grüßen
DerWesten.de
------------------------------------------------------------
WAZ NewMedia GmbH & Co. KG
Friedrichstr. 34 - 38, 45128 Essen
Telefon: 01802 404048 *
Telefax: 01802 404049 *
Mo. - Fr. 08:00 - 18:00 Uhr
* (6 Cent / je Gespräch) aus dem Festnetz der T-com
E-Mail: hilfe@derwesten.de
<*http://www.DerWesten.de
Sitz Essen, Registergericht Essen HRA 6736
Umsatzsteuer-Identifikationsnummer: DE 192903683
Persönlich haftende Gesellschafterin: WAZ NewMedia Verwaltungs-GmbH
Sitz Essen, Registergericht Essen HRB 12840
Geschäftsführung: Katharina Borchert
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Ich bin kein Jurist, aber ich vermute mal, dass der Fuß nicht so dermaßen lang sein müsste. Etwas bedrohlich ist der Satz: »Bitte beachten Sie, dass Sie gegebenenfalls für die vollständige Nutzung weitere Daten eingeben müssen.« Was wollen die, ’nen Lebenslauf?
Bei Nachrichten-Sites und Communities bin ich immer besonders sauer. Im ersten Fall sitzen zumindest irgendwo Journalisten im Haus, im zweiten Fall legt es eine Community fast per Definition auf einen lockeren Umgangston an.
Die Newsletter von DerWesten beginnt zum Beispiel mit
Sehr geehrte(r) Frau/Herr,
Auch heute möchten wir Ihnen interessante Angebote und Inhalte aus »DerWesten«, dem Online-Portal der WAZ Mediengruppe, vorstellen:
Dann erst folgen die eigentlichen Neuigkeiten. Im Gegensatz dazu ein Newsletter von jetzt.de aus dem November 2008:
Hallo textformer,
Amerika hat einen neuen Präsidenten, die Süddeutsche Zeitung hat ein neues Magazin und jetzt.de hat einen Auftritt in München. Die Woche bringt jede Menge Neuigkeiten, dieser Newsletter bündelt sie für dich:
Während DerWesten immer gleich und – in meinen Augen – etwas hölzern anfängt, war jetzt.de lockerer und schon im ersten Satz aktuell. Natürlich haben die beiden unterschiedliche Zielgruppen, aber der ewig gleiche Einstieg bei DerWesten müsste ja nun nicht sein. Zumal ich auch bei DerWesten mit einem Usernamen registriert bin und »Hallo textformer« so viel besser klingt als » Sehr geehrte(r) Frau/Herr«.
Ebenso nervig sind Newsletter, die zuerst erklären, warum jemand den Newsletter erhält, zum Beispiel jovoto.com mit:
Hello textformer
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this is jovoto's newsletter. You receive this newsletter because you are either a member of jovoto's community, you have applied for an invitation at jovoto.com or you asked for information in order to start a contest. We hope the news is of your interest and you enjoy the platform!
Ja, so eine Info ist nützlich, wenn man nicht mehr weiß, warum man diesen Newsletter erhält. Und auch Web-Neulinge sind damit gut bedient. Alle anderen Leute – ich schätze die Mehrheit – nervt man mit diesem lahmen Einstieg, der sich Newsletter für Newsletter wiederholt. Warum nicht wie jetzt.de mit wirklichen News einsteigen?
this text is so yummy, you'd wish you could eat it
Vielleicht noch einige lockere Beispiele, die mir gefallen haben. Im letzten September habe ich kurz blip.fm getestet und wurde begrüßt mit:
Hi nicolai,
Congratulations and welcome to Blip.fm, you are now officially a DJ.
Bei der Photojojo-Mailingliste hieß es im Mai 2006:
Hang on, THERE'S ONE LAST STEP.
Click the link below and you'll be on the list in a jiffy!
<http://www.photojojo.com/cgi-bin/dada/mail.cgi/n/photojojo/newsflash/textformer.de/[zahlencode]/>
(Can't click it? Copy and paste the URL into your browser.)
Love,
Photojojo
-----------------------------------------------------------------------
If you didn't subscribe to Photojojo, don't click the URL above.
Don't worry, we won't sign you up.
Und als mich dort wieder abgemeldet habe, las ich:
Done! You're off the list!
(But, boy are we sad to see you go!)
By the way, did you know you can get Photojojo by RSS instead of email?
our feed: http://www.photojojo.com/content/feed/
rss how-to: http://www.photojojo.com/subscribe/about-rss.html
Love,
Photojojo
www.photojojo.com
Man kann es sicher nicht allen Leuten recht machen. Aber ein lockerer, persönlicher, emotionaler Text würde vielen Websites gut zu Gesicht stehen. Und nicht nur auf der Website selbst, sondern auch in den dazu gehörenden E-Mails.
Ist das vielleicht wieder so ein typisch deutsches Problem? Lieber lange Absätze mit rechtlichen Infos, damit kein gelangweilter Anwalt auf die Idee kommt, einen abzumahnen? Lieber Geld für einen Suchmaschinenspezialisten ausgeben, als für jemanden, der sich nur um die Texte an sich kümmert? Lieber sachlich texten, dann kann man auch niemanden verprellen?
Lockere Texte sind nicht böse, nicht unseriös und nicht unerwünscht.
Der Autor
Nicolai Schwarz arbeitet als selbstständiger Designer und Webentwickler in Dortmund. Seine Vorliebe für englische Texte beschränkt sich nicht allein auf E-Mails. Er bevorzugt englischsprachige Bücher, Comics, Filme und Fernsehserien. Die sind häufig einfach lustiger, amüsanter, cleverer oder inspirierter als ihre deutschen Pendants.
Titelbild: »Pink envelope and heart« von JoeBiafore via istockphoto.com
Kommentare
Christian schrieb am 22.06.2009:
Ganz deiner Meinung, allerdings muss ich dazu sagen das es glaube nicht von ungefähr kommt das deine positiv-Beispiele alle nicht aus Deutschland kommen.
Ich glaube diesen fluffigen leichten Flow in Mails bekommt man im englischen einfach sehr viel besser hin als mit unserem hartem Deutsch.
Aber es ist definitiv möglich, nur sind wir Deutschen meiner Meinung nach noch nicht so auf dem trichter dieser sehr persönlichen Mails.
Gerrit van Aaken schrieb am 22.06.2009:
"Warum zur Hölle werden Studis geduzt?"
Du meintest sicher "gesiezt".
Markus Schäfer schrieb am 22.06.2009:
> Ich bin kein Jurist, aber ich vermute mal,
> dass der Fuss nicht so dermaßen lang sein müsste.
Doch, er muss - zumindest für deutsche Firmen. Und das ist auch gut so.
Ansonsten gebe ich dir vollkommen Recht. Es wird viel zu wenig Wert auf ordentlich getextete und zum Publikum passende Nachrichten und Meldungen gelegt. Und das obwohl es die Conversion-Rate und ggf. auch Folge-Käufe sicher nicht wenig unterstützen würde.
Dennis Frank schrieb am 22.06.2009:
Danke Nicolai.
Die Angelsachsen kommen in meinen Mail-Postfächern nahezu durchgängig lockerer, netter und überwiegend schnell auf den Punkt. So viele (meist deutsche) Mails versuchen (kläglich) einen persönlichen Eindruck zu erwecken ("Guten Tag, Dennis Frank", "Sehr geehrte/r Dennis Frank", "Liebe(r) Dennis Frank" oder "An Firma, Hallo Dennis Frank"). Das ist mir zwar fast egal, aber nett und zum weiter lesen anregend ist das nicht. Vor allem dann nicht, wenn die Mail nicht umgehend und ohne Umschweife auf den Punkt kommt. Da ist mir ein ehrliches "Dear User" dann doch lieber.
Die Fähigkeit, lockere und unverkrampfte Mails und Briefe zu verfassen, scheint mir in hierzulande noch unterentwickelt. Vielleicht fällt das erst im internationalen Vergleich so richtig auf. Ich glaube nicht, dass es an der englischen oder deutschen Sprache per se liegt, denn zum Glück trudelt ab und zu dann doch eine nette Mail aus Deutschland ein.
Der deutsche Rattenschwanz an rechtlichen Angaben trägt seinen unglamourösen Teil zur drögen Verkrampftheit bei und sollte eigentlich Ansporn genug sein, dieser mit sympathischen Humor und Gelassenheit im Schreibstil entgegen zu wirken.
Von Thomas Schwenke gibt es übrigens eine gute Übersicht zum Thema Rechtliche Fallstricke im Email-Marketing.
Nicolai Schwarz schrieb am 22.06.2009:
@Christian: Ich habe auch den Eindruck, dass es im Englischen besser geht. Allerdings ist es auch so, dass sich die Deutschen gar nicht erst bemühen. Und es lässt sich zumindest noch einiges aus unserer Sprache herausholen.
@Gerrit van Aaken: Sicher. Das meinte ich. Hab’s korrigiert.
ben_ schrieb am 23.06.2009:
"Don't tell the others." … fantastisch. Zum ersten mal an diesem ansonsten schon erschrecken beschissenen Morgen hab ich mich gefreut. Danke.
Felix Naumann schrieb am 25.06.2009:
Deutsch kann ganz fantastisch unterwegs sein und absolut sympathisch daher kommen. Das passt nur überhaupt nicht zu diesem ekelerregenden Bedürfnis, sich immer und stets nach allen Seiten absichern zu müssen. Meist paart sich das auch noch mit einem völligen Mangel an einem Mindestmaß an Empathie – oder überhaupt dem Vorstellungsvermögen, dass am anderen Ende des Internet wieder eine Person sitzt. Ich habe häufig das Gefühl, dass die "Cloud" einigen ein wenig die Sicht nimmt.
Ach ja, und @MARKUS SCHÄFER: Warum ist das denn gut so?
Frau K aus D schrieb am 13.07.2009:
Ich will ja keine Werbung machen - aaaber: wer mal richtig guten Text erleben will, sollte CDBaby.com aufsuchen. Hier gibt es CDs von Bands die eigentlich keiner kennt. (jeder kann hier glaube ich seinen Krempel unterbringen) Die redaktionellen Platten-Besprechungen sind oft richtig genial. Bei einer bestätigten Bestellung wird herzergreifend geschildert wie die bestellten CDs frisch aus dem Regal genommen wurden und nun in ein warmes Handtuch gewickelt werden um sie auf den lagen Weg, den sie noch vor sich haben, vorzubereiten.
Ist witzig und originell - bleibt einfach hängen...
Markus Schäfer schrieb am 19.07.2009:
@Felix
Wenn sich alle daran halten, weiß jeder immer an wen er sich wenden kann, wenn mit dem Inhalt der E-Mail irgendetwas nicht stimmt oder die E-Mail fehlgeleitet wurde.
Anonym schrieb am 22.07.2009:
@markus
Ja, für Unternehmen ist das grundsätzlich gut.
Aber:
1) Die Anbieterkennzeichnungspflicht greift viel füher. Sie gilt nicht etwa nur für Unternehmen. Da fragt sich schon, ob diese Offenbarungspflicht noch angemessen ist.
2) Es ist noch immer nicht klar, welche Daten genau offenbart werden müssen, um der Impressumspflicht gerecht zu werden. Da gibt es laufend neue Urteile dazu.
Insofern kann ich Zweifel an einem pauschalen "Gut so!" schon nachvollziehen.
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