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Service über den Tod hinaus von Nicolai Schwarz

Titelbild: Service über den Tod hinaus

Je später der Abend, je kleiner die Runde, je mehr Striche den Bierdeckel zieren, desto seltsamer werden die Ideen. Dies ist eine jener Ideen, die Sinn machen könnten – wenn wir über den morbiden Hintergrund hinwegsehen und uns mit den Vorteilen anfreunden.

Neulich philosophierte ich mit einem Design-Kollegen darüber, Dinge zu Grabe zu tragen. Dabei kamen wir darauf zu sprechen, was bei uns passieren würde, wenn wir irgendwann das Zeitliche segneten. Wir sind beide selbstständig und leben alleine. Im Falle eines Falles könnten ein paar Tage vergehen, bis jemand merkt, dass wir verstorben  sind. Freunde und Familie würden es dann früher oder später mitbekommen, aber was passiert mit unseren Kunden?

Das kann uns natürlich völlig egal sein, denn in dem Fall haben wir mit Kundenwünschen nichts mehr am Hut. Es ließe sich andererseits auch argumentieren, dass guter Service über den Tod hinaus geht. Vor allem dann, wenn Kunden auf uns angewiesen sind.

Posthumes Dilemma

In meinem Fall laufen Domains zum Beispiel direkt über meine Kunden, Schriften müssen sie selbst einkaufen und Logos bekommen meine Kunden sofort in einem Vektorformat.
Ich kenne einige Kollegen, die es ihren Kunden einfach machen wollen und Domains oder Schriften selbst bestellen – nicht immer laufen diese dann auf den Namen der Kunden. Andere Designer rücken die Vektordaten ihrer Logos nur selten heraus, weil sie fürchten, dass ihre Kunden an den sauber gestalteten Vektoren rumzerren und das Logo verunstalten.
In all diesen Fällen haben Kunden Probleme, wenn sie nicht mehr an die notwendigen Daten kommen, weil ihr Dienstleister nicht mehr unter den Lebenden weilt.

Nach meinem Ableben könnte es irgendwann nötig sein, dass Kunden bei Content-Management-Systemen neue Module installieren wollen. Wenn ich nicht mehr da bin, lässt sich evtl. das Passwort für den Admin in der Datenbank überschreiben, aber es wird trotzdem umständlich und nervig für den Kunden.
Sollte mich morgen ein Auto überrollen, hätten meine Kollegen in der Redaktion Probleme, pisto-magazin.de weiterzuführen. Denn sie haben zur Zeit weder Zugriff auf das Admin-Konto, noch auf die Datenbank, noch auf den Webserver.

In anderen Fällen schadet es nicht, wenn der Kunde die Originaldaten eines umfangreicheren Flash-fla-Files hat. Das Flash-swf-File kann man evtl. knacken, aber mit dem Originalfile fährt der Kunde deutlich besser.

Man kann seinen Kunden natürlich gleich alle Daten zur Verfügung stellen, die sie irgendwann einmal brauchen könnten. Aber: Haben deine Kunden wirklich alle Daten, die sie nach deinem Ableben brauchen könnten?

Solange ich selbst noch aktiv bin, möchte ich nicht alle Passworte und Originaldaten herausrücken. Schließlich möchte ich mein Flashfile selbst weiterentwickeln – oder ich möchte vermeiden, dass mein Kunde aus Versehen eine CMS-Installation zerschießt.
Im Falle meines Todes wäre ich da freigiebiger. Was also tun?

deathbot.com

Wir könnten natürlich eine lange Liste für die Familie anfertigen, mit konkreten Anweisungen, welcher Kunde im Zweifelsfalle welche Dateien und Passworte benötigt. Aber wer möchte seine Familie damit belasten? Die haben dann schließlich andere Sorgen.

Als Webworker war uns schnell klar: Die Lösung für das Problem liegt natürlich im Internet. Es gibt zum Beispiel einen Internetservice – am besten mit einem griffigen Namen wie deathbot.com – bei dem man sich anmelden kann. Dort hinterlegt man verschiedene Nachrichten, adressiert an die verschiedensten E-Mail-Adressen, vielleicht mit kleinen Anhängen.

Nun gibt es ein Skript, das – sagen wir – alle zwei Monate eine E-Mail an den User schickt. Darin ist ein Link hinterlegt. Der User klickt den Link an, das System registriert das als »User ist noch aktiv = lebendig«. Klickt der User nicht auf den Link, bekommt er nach einem Monat noch einmal einen Hinweis. Danach vielleicht noch einmal nach sieben Tagen. Hat er alle drei Mails – über einen Zeitraum von etwa 14 Wochen – ignoriert, gilt er als inaktiv (im Sinne von tot, im Koma liegend, ins Ausland abgesetzt), und das System schickt die gespeicherten E-Mails los.

Das lässt sich recht einfach mit ein wenig php und einem Cron-Job zusammenstricken.

Weitergedacht

Das System lässt sich selbstverständlich erweitern. Vielleicht kann der User die Zeiträume selbst bestimmen. Vielleicht kann er irgendwo geschützte Dateien hinterlegen und schickt seinen Kunden dann einen Link samt Passwort.

Da es hier um empfindliche Daten geht, möchte man vielleicht keinem Webservice trauen. Stattdessen ist auch ein Download des Programms denkbar, der auf dem eigenen Server läuft.

Alle E-Mails sollten mit einer Warnung versehen werden, denn vielleicht ist der User gar nicht tot, sondern liegt irgendwo im Koma. Und man muss höllisch aufpassen, dass kein Programmierfehler plötzlich alle E-Mails raushaut. Oder aber die Benachrichtigungen im Spam-Filter hängen bleiben.

Vielleicht gehen auch nicht zwanzig E-Mails an alle Kunden, sondern nur eine umfangreiche E-Mail an einen guten Kollegen, der sich dann darum kümmert, die Kunden zu benachrichtigen. Das hat zumindest den Vorteil, dass eine falsch versandte E-Mail nicht gleich sämtliche Kunden aufschreckt. Es darf nur kein zu guter Freund sein, bevor beide bei derselben Aktion (Urlaub, Sport) verunglücken.

Um abseits vom eigentlichen Problem: Wenn wir schon dabei sind, Nachrichten »aus dem Jenseits« zu verschicken, müssen wir natürlich nicht bei Kunden halt machen. Die ein oder andere Rechnung ist doch bestimmt noch offen mit einem Chef, Arbeitskollegen, ehemaligem Mitschüler, einer Ex-Freundin. Nun ist die ideale Gelegenheit, auch dieser Person noch eine Nachricht zukommen zu lassen: »Was ich dir schon immer sagen wollte: [...] Gib dir keine Mühe zu antworten. Ich bin tot.«

Wo doch überall die kostenlosen Internet-Services sprießen, die Usern das Leben erleichtern wollen. Wie wäre es mit dem passenden Service für die Toten? Mit ein wenig Werbung garniert kann man damit bestimmt auch ein wenig Plus machen.

Worst Case

Unabhängig davon, wie absurd, morbide oder innovativ diese Idee nun ist: Es kann für Kunden ein Problem sein, wenn sie nach dem Tod des Dienstleisters nicht mehr an wichtige Daten heran kommen, für die sie irgendwann einmal bezahlt haben. Wer plant solche Eventualitäten schon im Voraus?

Was passiert denn mit dem Typo3-Projekt im fünfstelligen Bereich, das zwar zu neunzig Prozent fertig ist, für das aber nur eine Person das Passwort und Zugriff auf den Server und die Datenbanken hat? Das muss noch nicht einmal ein Problem von Freiberuflern sein, auch kleinen Agenturen kann so etwas passieren.

Der Autor

 Nicolai SchwarzNicolai Schwarz arbeitet als selbstständiger Webentwickler und Berater in Dortmund. Er ist ein Kontrollfreak. Insofern wundert es niemanden, wenn er nun versucht, auch nach seinem Tod noch Anweisungen zu geben.

Titelbild: »Murder« von digitalhallway via istockphoto.com

27.11.20083 Kommentare

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Kommentare

Übrigens erzählte mir eine Krankenschwester, dass es ein ganz ähnliches System für Senioren und Kranke gibt: den Hausnotruf.
Über einen kleinen Sender am Körper kann man sich bei einer Leitstelle melden, wenn man Hilfe braucht. Meldet man sich nicht innerhalb eines vereinbarten Zeitraums, ruft die Leitstelle automatisch an. Ist niemand erreichbar, kommt sofort jemand vorbei/zu Hilfe.

Genau darüber habe ich mir, allerdings weniger Geschäftsmodell-basiert, schon gelegentlich Gedanken gemacht.
Mir ist es übrigens auch mal passiert, dass sich ein Kollege wohl offenbar etwas ängstlich in einen Flieger setzte und mir spontan einige seiner Masterpasswörter mailte - was ich aus mancher Stimmungslage durchaus verstehen kann.

Ich wäre jedenfalls keinen Kandidat für einen Online Service, insbesondere nicht für die automatische Benachrichtigung. Es kann so viel Mist passieren, der einen ungewollt verhindert. Da muss man nicht gleich für tot erklärt werden ;-)
Wollen wir da nicht doch etwas auf die Pietät des Kunden hoffen und für alle Fälle einen Umschlag mit vertraulichen Daten auf dem Schreibtisch hinterlegen?...

Was passiert, wenn wir tot sind?

Unsere Seelen sind unsterblich,
darum glaube ich:

Wir müssen alles verantworten, was wir andern
Menschen angetan haben, wenn sich unsere Seelen
nach dem Tod im Jenseits wieder begegnen.
So wie „Gott“ uns hier auf der Erde gewähren lässt,
so dürfen wir auch im Jenseits alles machen was wir
wollen. Dann können sich alle für alles rächen, was
ihnen angetan wurde und der „Liebe Gott“ bleibt
tatenlos, so wie hier auf der Erde!
Himmel und Hölle sind Begriffe, die wir benutzten,
seitdem es uns gibt und wir sprechen können, aus
gutem Grund, denn wenn wir im Jenseits wieder
unkontrolliert auf einander treffen, dann wird das
Böse böser als wir es uns vorstellen können, und
das Gute schöner, als wir es uns wünschen.

Werbe-Kommentare werden wir übrigens löschen. Im Zweifel nehmen wir zumindest den Link zur beworbenen Homepage raus.

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