Was ist noch privat, und was ist schon öffentlich? Die technische Entwicklung in der Hardware und in der Software verändert mittlerweile auch unserer Miteinander, unsere Socialware. Ist dies eine Entwicklung, der wir entgegentreten wollen? Oder sollten wir besser lernern, damit umzugehen, weil der soziale Klimawandel nicht mehr aufzuhalten ist?
Vor ein paar Jahren noch, da war man ja schnell als aufgeblasener Angeber verschrien, wenn man ein Handy hatte. Das genaue Gegenteil ist heute der Fall: Hast Du kein Handy, bist Du schon ein Technikverweigerer. Man hat einfach ein Handy. Hat man kein Handy, ist man auf jeden Fall schon mal verdächtig. Fast schon ein Verweigerer.
Ebenso schnell, wie wir uns an Handys gewöhnt haben, haben wir uns auch an die allgegenwärtigen Kameras gewöhnt. In vielen Handys ist ja bereits ein solche Miniknipse eingebaut und somit überall und immer zur Hand. Und selbst Digitalkamers sind inzwischen so klein, dass irgendjemand immer eine dabei hat.
Und genauso wie an die Allgegenwärtigkeit von Handys, haben wir uns an die Allgegenwärtigkeit von Kameras gewöhnt: Auf jeder Fete, zu jeder Gelegenheit findet sich jemand, der diese Momente für immer festhalten muss. Und weil digitale Fotos ja nix kosten, werden auch nicht nur zwei, drei Fotos gemacht, nein, da kann man doch auch gleich 50 machen, kostet ja nix. Aber auch kleine Filmchen sind ohne Probleme möglich. Vor zehn Jahren hätte ich dies noch nicht für möglich gehalten, heute ist das völlig normal.
Sehen und gesehen werden
Denn die schnelle, billige und beinahe permanente Möglichkeit des Fototgrafierens ist nur die eine Hälfte einer völlig neuen Entwicklung. Die sozialen Netzwerke wie StudiVZ oder Facebook erledigen den Rest. Einen Haufen von Fotos auf seiner Festplatte zu haben ist eine Sache, diese Fotos allen Leuten in seinem Bekanntenkreis zu Verfügung zu stellen oder gleich allen Menschen, die einen kennen, ist eine andere Sache. Darüber hinaus können diese Fotos dann noch mit Profilen und URLs verknüpft und mit Kommentaren versehen werden.
Das ist eine gefährliche Mischung, die erstaunlich wenig hinterfragt wird.
Die Kameras in der Öffentlichkeit erregen bei Datenschützern und einem großen Teil meiner Kollegen immer mehr Widerstand. Irgendwie fühlen wir uns beobachtet von einer dritten Person, die für uns unsichtbar ist. Vielleicht liegt aber die eigentliche Gefahr ganz woanders. Vielleicht liegt sie gar nicht bei der Kamera an der U-Bahn, im Museum, an der Tankstelle oder im Fußballstadion. Denn bei diesen Kameras ist man erstmal eine unbekannte Person (zumindest solange automatische Gesichtserkennung noch nicht funktioniert). Vielleicht liegt die eigentliche Gefahr in unserem Freundeskreis. Bei den vielen kleinen Kameras, die hier und da all die Fotos schießen, welche dann in den unzähligen sozialen Netzwerken wieder auftauchen.
Das eigentliche Problem sind ja nicht die Fotos an sich, sondern die Anreicherung der Fotos mit Informationen und der ungehinderte Zugang zu diesen Informationen. Wissen wir, was mit diesen Informationen morgen passiert? Wissen wir, ob nicht vielleicht schon bald Google Facebook kauft und dann das Facebook-Profil mit dem Google-Account verbindet? Da kann man sich natürlich nun alle möglichen Schreckensszenarien ausdenken.
Wer kennt nicht die kleinen Minifeeds bei Facebook und Xing, in denen all unsere Kontakte sehen können, wer was gemacht hat? Twitter hat dies sogar auf die Spitze getrieben und bietet nichts weiter als diese Minifeeds an. Dort heißt es dann Microblogging.
Momentan liest man diese Feeds, und man hat sie oft schneller vergessen, als man sie gelesen hat. Aber hat das Social Network diese Informationen auch so schnell vergessen? Werden diese Informationen jemals vergessen werden?
Unter diesem Aspekt ist auch mal so was wie die OpenID zu sehen. Hier können dann alle Meta-Informationen, die zu einer Information bestehen, zusammengeführt werden. Das kann doch niemand wollen. Oder? Der Vorteil einer einzigen Anmeldung wiegt doch auf keinen Fall die möglichen Nachteile auf.
Der Wink mit dem Zeigefinger
Die Fragen, die sich mir stellen: Wie kann man diese Entwicklung verhindern? Wollen wir sie verhindern? Oder werden wir uns daran so gewöhnen, wie wir uns an die Allgegenwärtigkeit von Handys gewöhnt haben? Werden vielleicht gar nicht mehr verstehen, wenn jemand solche Bedenken wie ich hier äußert? Werden wir diesen Artikel in fünf Jahren mit einem Kopfschütteln lesen und denken: Was will denn dieser Typ? Leidet der unter Verfolgungswahn?
Man darf sich als Beispiel nur mal Jugendliche oder Kinder anschauen, die es gar nicht mehr anders kennen. Natürlich hat man schon heute mit neun Jahren ein Handy. Wenn man das nicht hat, ist man praktisch außen vor. Natürlich ist man in mehreren Social Networks, sonst ist man außen vor. Wie wird also mit diesen Fragestellungen von Menschen umgegangen werden, die es gar nicht mehr anders kennen?
Ich finde dies alles sehr spannend, vor allem, weil man sich dieser Entwicklung ja nicht entziehen kann. Spätestens mit den eigenen Kindern wird einen dieses Thema wieder einholen, und die werden sicher ganz anders darüber denken als man selbst.
Es ist doch gut möglich, dass wir in ein paar Jahren Begriffe wie Privatsphäre völlig neu definieren werden. Privat sind dann nur noch Dinge, die unter vier Augen oder mit den besten Freunden ausgetauscht werden. Und zwar mündlich. Alles, was in irgendeiner Form aufgezeichnet worden ist, ist auch potentiell öffentlich zugänglich. Oder privat wird nur noch das sein, was unseren Kopf nicht verlässt. Dies wäre natürlich, zumindest aus meiner heutigen Sicht, erschreckend.
Vielleicht wird ja alles gar nicht schlimm, wie man es von vielen Kommentaren zu diesem Thema hört, vielleicht wird alles auch noch viel schlimmer, als wir es uns heute vorstellen können.
Der Autor
Guido Boyke ist als selbstständiger Webentwickler in Hamburg tätig. Er arbeitet haupsächlich in den Bereichen Typo3 und PHP. In letzter Zeit hat er aber auch ein Auge auf Ruby on Rails geworfen.
Titelbild: »Super 8 porn« von TommL via istockphoto.com
Kommentare
Peter schrieb am 26.02.2009:
Ich fände es gut, wenn Software, wie z. B. iPhoto auf Wunsch automatisch alle unbekannten Gesichter unkenntlich macht (dürfte ja anhand der Gesichtserkennung leicht gehen).
Zum Thema OpenID muss ich dich korrigieren. Da hast du nicht alles richtig verstanden, Daten können da nicht so ohne weiteres zusammengeführt werden, vor allem suchst du dir deinen OpenID-Hoster aus, das kann sogar dein eigener Server sein, wenn du besonders paranoid bist. Immer noch besser als bei dutzenden von Anbietern seine Daten zu hinterlegen und nicht mehr zu wissen, wer was von dir hat.
Guido schrieb am 26.02.2009:
Hallo Peter,
ich habe dies mit der OpenID schon richtig verstanden. Ich bin nur der Meinung wenn es erstmal einen eindeutigen "Link" zwischen Daten gibt, dann wird dies auf lange Sicht auch zu einer echten Verbindung dieser Daten führen. Schau Dir einfach mal die aktuelle Entwicklung an, z.B. http://www.heise.de/mobil/Mobile-soziale-Netzwerke-vernetzen-sich--/news....
Andreas Doelling schrieb am 27.02.2009:
Ich finde es gut, dass Du dieses sehr interessante Thema so unaufgeregt angehst. Ich selbst neige ja eher zu Kulturpessimismus.
;)
Mich würde interessieren, ob es schon Studien dazu gibt, inwieweit das häufige und dadurch immer beiläufigere Abbilden anderer Menschen Auswirkungen auf unser ganz reales soziales Miteinander hat. These: der andere Mensch wird beim schnellen Knipsen zu einem Objekt, zu einem billigen Souvenir oder einer Trophäe und der Knipsende zum entrückten (und empfindungslosen) Beobachter.
Hmm, zu weit hergeholt?
Anne-Kathrin schrieb am 01.03.2009:
Das wirklich Erschreckende ist, wie unbefangen und unüberlegt die Kids heutzutage nicht nur mit Fotos sondern auch mit Informationen über sich und andere umgehen. Siehe SchülerVZ.
Da denkt keiner von ihnen, ohne mit der Nase drauf gestoßen worden zu sein, drüber nach.
Was aus den ganzen Daten morgen geworden ist, wenn die mal einen Job suchen und vielleicht nicht mehr so gläsern, vor allem aber erwachsen geworden sein wollen, steht in den Sternen.
UschaSu schrieb am 01.03.2009:
Für Kids ist erst mal wichtig, was andere Kids denken und tun. Das ist ganz normal so. Umso wichtiger, dass Eltern, Lehrer und vor allem diejenigen, die von den Kids als "cool" anerkannt werden, sich des Problems annehmen.
Dazu muss man sich aber selbst hinterfragen. Welche der Funktionen brauche ich, oder besser will ich wirklich in meinem Alltag nutzen? Man kann ein Handy haben, ohne ständig daran zu kleben. Man kann ein Kamerahandy haben, ohne bei jeder Gelegenheit seine Bekannten aufzunehmen. Man kann fotografierende Bekannte bitten, die Bilder mit dem eigenen Konterfei nicht ins Netz zu stellen. In wie vielen Social Networks will ich Mitglied sein und was gebe ich jeweils von mir preis? Wohlverstanden, es geht nicht darum, alles zu verteufeln, sondern selektiv und bewusst damit umzugehen. Brauche ich Twitter oder andersrum, ist es für mich besonders wichtig?
Wenn wir als Elterngeneration uns unsere Position bewusst machen, können wir viel entschiedener Vorbild sein. Dazu gehört dann auch Aufklärung. Torben Friedrich sucht über Robert Basics Blog Mitstreiter für Web-Aufklärungsarbeit an Schulen. Ich war erstaunt, per e-Mail von ihm zu erfahren, dass bisher fast nichts in diese Richtung geschieht. Sollte das nicht längst zum Standard gehören?
Auf längere Sicht dürfte aber die schiere Informationsflut und die Normalität des Gesehenen den heutigen Aufregern die Spitze nehmen. Wenn es von jedem Zweiten "besoffene" Bilder im Web gibt, ist das kein Unterscheidungsmerkmal mehr. Wo wir allerdings verstärkt aufpassen müssen, ist, die technische Vernetzung schützenswerter Daten zu verhindern. Aber das geht weit über unsere Profile im Netz hinaus.
Svenja schrieb am 05.03.2009:
Danke für diesen interessanten Beitrag, der doch einmal zum Nachdenken anregt. Bisher hat man sich vielleicht noch gar nicht so damit befasst, aber wenn man sieht, wie viele persönliche Dinge bereits im Web über einen Menschen zu finden sind, ist das für mich schon erschreckend, auch wenn ich nicht glaube, dass sich diese Entwicklung letztendlich aufhalten lässt.
N. Muntz schrieb am 27.03.2009:
Die taz über Neonazis, die Informationen über Antifaschisten im Netz veröffentlichen:
Viele der Infos und Fotos stammen aus dem studiVZ, einer Online-Plattform für junge Menschen, oder von ähnlichen Seiten.
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