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Im Land der Scheinriesen von Nicolai Schwarz

Titelbild: Im Land der Scheinriesen

Wer »Jim Knopf und Lukas, den Lokomotivführer« kennt, der kennt auch Herrn Tur Tur, den Scheinriesen. Je weiter man von ihm entfernt steht, desto größer wirkt der Scheinriese, gewaltig, beeindruckend. Je näher man ihm kommt, desto mehr schrumpft er zusammen, bis man erkennt, dass er nicht größer ist als andere Leute auch.  Und solche Scheinriesen findet man nicht nur am »Ende der Welt«, sie tummeln sich auch gerne hierzulande herum.

Vor ein paar Monaten hat sich ein Webworker bei mir um eine Stelle beworben. Abgesehen davon, dass ich als Freelancer derzeit niemanden einstellen möchte, bin ich über seinen Lebenslauf gestolpert. Dort stand sinngemäß: »Ausbildung zum Mediengestalter (2003-2006), Art Director (2006-2007)«. Nanu, wie seltsam? Vermute ich hinter einem »Art Director« doch gewöhnlich einen Designer mit mehrjähiger Berufserfahrung. Auf Nachfrage stellt sich dann heraus, dass der gute Mediengestalter für alle Designarbeiten in einer kleinen Klitsche zuständig war. Einfach nur »Designer« zu schreiben, wäre vermutlich passender, macht aber nicht so viel her. Und wenn er schon als einziger Designer alle Entscheidungen trifft, macht er ja auch so etwas wie »Art Direction«. Irgendwie. Vielleicht. Wer weiß. Gut jedenfalls, dass »Art Director« keine geschützte Berufsbezeichnung ist.

Während ich mich schlicht Mediendesigner oder auch mal Webworker nenne und für kleine Unternehmen Webseiten konzipiere, gestalte und umsetze, konzipieren andere Leute für kleine Unternehmen Webseiten, gestalten diese, setzen sie um und nennen sich: Webberater oder Webkonzeptioner [1]. Oder auch »Experte für Webdesign«. Gibt es wirklich. Warum auch nicht? Irgendwie muss man sich ja von den ganzen Laien da draußen abgrenzen.

Wirkt.

Das alles muss Angestellte nicht unbedingt kümmern. Die handeln mit ihren Arbeitgebern aus, wie sie heißen, und es ist im Grunde auch nicht so wild, ob dort nun »Entwickler« oder »High-End-Entwickler« steht. Aber für Selbstständige wie mich, die eher kleine und mittelständische Unternehmen beliefern, kann ein geschicktes Label Gold wert sein.

Denn gerade kleine Kunden sind ja mitunter froh, wenn sie jemanden gefunden haben, der was vom Web versteht. Und dann ist der auch noch Experte! Na so ein Glück. Viele Kunden kennen sich mit dem Web nicht besonders gut aus. Woher sollen sie wissen, ob das Expertentum nun tatsächlich der Realität entspricht oder einfach nur euphemistische Selbstvermarktung ist? Kleider machen eben immer noch Leute.

Und Label werden – meiner Erfahrung nach – selten hinterfragt. Ist ja auch umständlich und unhöflich. Auf der Visitenkarte könnte stehen: »Nick Müller – Suchmaschinenoptimierung«. Besser ist jedoch »Nick Müller – Experte für Suchmaschinenoptimierung«. Unterhält man sich später mit anderen Leuten, fügt man das Label ungefiltert an: »Da hinten sitzt übrigens Nick Müller, der ist Experte für Suchmaschinenoptimierung« statt zu sagen: »Da hinten sitzt Nick Müller, der macht Suchmaschinen­optimierung«. Früher oder später gilt er dann als Experte für Suchmaschinenoptimierung – völlig unabhängig davon, ob er es nun tatsächlich ist oder nicht.

Das Ganze funktioniert natürlich auch in umgekehrter Richtung. Nicht nur der Kunde freut sich über den Experten, auch dem »Experten« gibt es mehr Selbstvertrauen. Der Auftritt ist gleich ein ganz anderer.

Gutes Label gleich gutes Geld

Ich will nicht sagen, dass Menschen, die sich selbst als Experte oder Guru bezeichnen, automatisch Blender sind. Ich habe nur zu viele Fälle erlebt, in denen es so war. Insofern gehen bei mir sofort sämtliche Alarmglocken an, wenn sich mir ein selbsternannter Experte vorstellt.

Ich hörte neulich von einem Flasher, der sich selbst als Flash-Guru bezeichnete und für 95 Euro die Stunde ein Flash-File ablieferte, das vielleicht poetischen Code enthielt, aber leider ruckelte. Der Code des kleinen Fricklers, der danach geholt wurde, war vielleicht nicht ganz so hübsch, dafür ruckelte der Flash-Film nicht mehr. Und er hat nur 45 Euro die Stunde genommen [2].
Und natürlich ist mir klar, dass es genausogut anders herum hätte sein können, aber es unterstreicht meinen Punkt: Ein selbsternannter Experte oder Guru ist nicht gleich fähiger, weil er sich Experte oder Guru nennt. Aber er hat es einfacher, einen höheren Preis zu nehmen.

Unter den Web-Experten, die ich in den letzten Jahren kennengelernt habe, ist mir niemand aufgefallen, der sich selbst als Experte bezeichnet hat. Die schreiben einfach gute Artikel, verständliche Bücher oder halten treffende Vorträge. Und  sagen von sich »beschäftigt sich seit acht Jahren mit Barrierefreiheit« oder »konzipiert seit Jahren Flash-Projekte«. Gut ist.

Ich habe mal die aktuellen Ausgaben vom Webstandards-Magazin und dem t3n durchgeblättert. In all den (selbst verfassten) Autorenboxen ist nur ein einziges Mal das Wort »Experte« zu lesen. Durch Artikel, Blogs und Vorträge wissen irgendwann zumindest die anderen Leute aus der Szene, wer Experte für was ist – ohne dass jene sich das Label selbst auf die Fahnen schreiben müssten. Aber solch ein bescheidenes Expertentum dringt natürlich – je nach Kundenstruktur – selten bis zum Kunden durch.

Selbstvermarktung

So konkurriere ich als Mediendesigner bei potentiellen Kunden also manchmal mit »Experten für Webdesign« oder mit Webberatern. Da hat ein Kunde nun also die Auswahl: Wen engagiert er lieber für seine Webseite? Einen Mediendesigner oder jemanden, der »Konzeption und Entwicklung von Webseiten« anbietet? Oder gar einen Experten? Dass alle drei auf dem gleichen Level arbeiten, weiß er ja nicht.

Experte hört sich halt kompetent an. Wenn also jener Mensch den Zuschlag bekommt, wer hat Schuld daran? Natürlich ich!

Der Fehler liegt komplett bei mir. Offenkundig bin ich zu blöd dazu, auf meine Visitenkarten: »Nicolai Schwarz, High-End-Webentwickler« zu schreiben. Oder eher: Es ist nicht mein Stil. Dummerweise kostet mich diese Stilfrage vermutlich Kunden, Projekte und Geld. Denn Selbstvermarktung gehört zum Geschäft.  Und wenn andere Leute durchs Label einen Bonus haben, dann habe ich eben Pech gehabt.

Insofern gilt es also sein Blendwerk aufzupolieren. Das ist natürlich unfair formuliert, denn Blendwerk ist es nur, wenn einer Dinge behauptet, die nicht stimmen. Für uns fähige Webworker muss es also heißen: Die Außendarstellung optimieren.

Stilfragen

In den letzten Monaten habe ich also mehrfach überlegt, wie ich mich besser positionieren kann, welche Label mir recht wären.

Ich schreibe zum Beispiel üblicherweise »Nicolai Schwarz, selbstständiger Mediendesigner aus Dortmund«. In einigen Fällen käme ich mit »Nicolai Schwarz, Geschäftsführer der Dortmunder Agentur textformer mediendesign« vermutlich weiter. Es ist ja glücklicherweise das Privileg der Selbstständigen gleichzeitig Geschäftsführer zu sein.

Auf meiner Webseite könnte stehen »Nicolai Schwarz ist ausgewiesener Experte für Webkonzeption, Webstandards und das Content-Management-System Drupal« [3]. Steht da aber nicht. Warum eigentlich nicht?
Aktuell ist dort zu lesen: »textformer ist die Agentur des Dortmunder Mediendesigners Nicolai Schwarz, spezialisiert auf das Corporate Design für kleine und mittelständische Firmen. Vom Logo über Visitenkarten bis hin zum Webdesign liefere ich Ihnen alles aus einer Hand.« Das ist zwar dezenter, kostet mich aber Geld. Immerhin bin ich wenigstens noch »spezialisiert«.

Einige Kollegen bieten Webberatung oder Webkonzepte an. Das machen natürlich die meisten professionellen Webworker, also habe ich zwischendurch damit experimentiert, irgendetwas in dieser Richtung mit aufzunehmen. Zunächst nur in meiner E-Mail-Signatur. Da muss ich nicht ständig neue Visitenkarten drucken, und ich kann mir ein paar Wochen lang ansehen, ob ich mich mit der Formulierung anfreunden kann. Es ging von »Design und Beratung« über »Konzeption | Design | CMS | Flash« hin zu »Konzeption | Webdesign | Printdesign«. Gelandet bin ich derzeit bei »Design und Webentwicklung«. Das hat alles seine Vor- und Nachteile. Vier Wörter sind zuviel, CMS verstehen viele meiner Kunden nicht. Das Wort »Konzeption« mag ich zwar, aber auch hier wissen zuviele meiner Kunden nicht, was damit gemeint ist.

Auf meiner nächsten Visitenkarte könnte auch stehen: »Flash-Experte« oder »Corporate-Design-Guru« oder »Textgott«. Wird da aber nicht stehen; da kenne ich ganz andere Leute aus den jeweiligen Bereichen. Wenn jemand zu mir kommt und fragt: »Sind Sie Experte für Flash?«, frage ich zurück: »Was brauchen Sie denn?«, und bisher konnte ich allen Kunden helfen; aber mit 3D-Flash will ich mich zum Beispiel nicht herumschlagen. Insofern lieber dezent - im vollen Wissen, dass mich das in einigen Fällen Geld kosten wird. Da werte ich meinen Stil höher als Geld. Was man so natürlich nicht machen muss.

Was mir eher liegen würde, wäre ein vollkommen übertriebener Titel wie Designdiktator [4]. Bei den Artdiktatoren oder dem Amt für Gestaltung funktioniert das in dieser Hinsicht ganz gut. Völlig übertrieben, aber auf eine sehr charmante Art und Weise.
So etwas sollte ich mal ausprobieren.

Die Fussnoten:

  1. Was für ein dämlich denglisches Wort! 

  2. Ich empfehle übrigens allen Selbstständigen einen Mindest-Stundenlohn von 50 Euro; das ist ein guter Start. Siehe auch: Mal nachgerechnet!

  3. Der aufmerksame Leser bemerkt das »ausgewiesen«, das ich einfach noch dazugepackt habe. 

  4. Spart euch die Anfrage bei denic: designdiktator.de und design-diktator.de gehören mir schon seit längerer Zeit. Und ja, damit habe ich tatsächlich noch was vor. 

Der Autor

 Nicolai SchwarzNicolai Schwarz ist selbstständiger Mediendesigner in Dortmund. Darüber hinaus ist er Geschäftsführer, freier Mitarbeiter, Vorsitzender, Autor, Experte, Webworker, Art Director, Allrounder, Redaktionsmitglied oder Projektleiter. Je nachdem, was gerade gewünscht wird. Er ist da recht flexibel.

Titelbild: »Scheinriese« von Heyoka

19.04.20092 Kommentare

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Kommentare

Vor einer halben Ewigkeit, zu Zeiten von „document.layers“ und „document.all“, habe ich mich mal bei einer Webdesign-Firma beworben und mir dabei im jugendlichen Überschwang selbst das Prädikat „Javascript-Guru“ verpasst. Der Chef der Firma selbst wäre vielleicht gar nicht großartig darauf eingegangen – den ebenfalls beim Vorstellungsgespräch anwesenden wirklichen JS-Crack hat’s dann aber schon sehr interessiert, so sehr, dass es ein wenig peinlich wurde.
;)
Ich bekam den Job damals trotzdem, weil ich ja nicht ganz geschwindelt hatte – ein „viel Erfahrung mit JS“ oder „gut in JS“ hätte es aber eben auch getan …
Als Experte für irgendwas habe ich mich seitdem jedenfalls nicht mehr bezeichnet. (Auch wenn ich unter anderem von dem besagten JS-Crack viel lernen konnte.) Man trifft immer irgendwann auf einen, der’s besser kann.

Der Artikel ist nett.
Der Vergleich mit Herrn TurTur ist allerdings völlig fehl am Platz. TurTur ist kein Blender, kein Aufschneider, kein Möchtegern. Er ist ein einsamer, freundlicher Scheinriese, der insbesondere darunter leidet, dass er so ist wie er ist...
Vielleicht magst du es ja nochmal(?) lesen?

Werbe-Kommentare werden wir übrigens löschen. Im Zweifel nehmen wir zumindest den Link zur beworbenen Homepage raus.

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